Vorwärts in die Vergangenheit

Analoge Tonträger wieder auf dem Vormarsch

Das Aufkommen der Compact Disc (CD) veränderte den Musikmarkt in den achtziger Jahren dramatisch. Die jahrzehntelange Dominanz der Vinyl-Schallplatten neigte sich rapide dem Ende zu. Singles, Maxi-Singles und LPs lagen mehr und mehr wie Blei in den Läden der Schallplattenhändler, denn das neue Format wies gegenüber den Vinylpressungen offensichtlich nur Vorteile auf. Es war kleiner und handlicher, und den Vinylscheiben bei der Klangwiedergabe haushoch überlegen. Als erstes stellte das japanische Unternehmen Sony gegen Ende der achtziger Jahre die Schallplattenproduktion komplett ein – pikanterweise eine Firma, die zuvor selbst entscheidend die Einführung der CD forciert hatte. Die anderen Unternehmen zogen nach, und seit Beginn der neunziger Jahre galten Vinylpressungen als „alter Hut“, die es lediglich noch in den hinteren Abteilungen der Plattenläden gab – oder eben als Arbeitsmaterialien für die umtriebigen Club-DJs, die solcherart zumindest teilweise das Überleben der schwarzen Scheiben sicherten.
Dieses Nischendasein änderte sich aber seit dem Beginn des neuen Jahrtausends, wenn auch anfangs nur allmählich. Es begann vor ungefähr fünfzehn Jahren, dass kleinere Labels in den USA aufgrund von verstärkter Nachfrage spezielle Pressungen herstellten, teils mit sehr geringen Auflagen, teils in ungewöhnlichen Formaten. Beispielsweise gab es seit Gründung der auch in Nashville beheimateten Third Man Records (TMR) durch Jack White (White Stripes) nicht nur die bekannten 7“ (15 cm) Singles und 12“ (30 cm) LPs, sondern auch schon mal Singles in 12“ Größe, oder gar in 10“ (25 cm), wie bei Elvis Presleys „My Happiness“. Die wirklich originellen Varianten bestanden aber bei TMR aus Singles mit 6“ und 8“ Durchmesser, sowie LPs im übergroßen 13“-Format.
Zu Beginn dieser Entwicklung lag bei fast allen Veröffentlichungen der Schwerpunkt auf Rock, Alternative, Rhythm & Blues oder auch Oldies. Man orientierte sich seitens der Produzenten natürlich vorrangig an den nachgefragten Genres. Öffentlich wahrnehmbar wurde dies seit Einführung der jährlichen sogenannten Record Store Days, ergänzt durch die Black Fridays, samt den hierfür vorrangig beworbenen Veröffentlichungen. Diese Tage – jeweils am 3. Samstag im April bzw. am Tag nach dem US-Erntedankfest im November veranstaltet – zielten ursprünglich darauf ab, den unabhängigen Schallplattenläden in den USA mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Inzwischen zogen viele andere Länder nach, auch Deutschland. Schnell stellte sich die neue Attraktivität der lange verschmähten oder gar totgesagten Vinylscheiben heraus. Und: offensichtlich existierte hier Kaufkraft, die nur nach einem passenden Produkt suchte. Um diesen Trend kommerziell möglichst gründlich auszuschöpfen, bot man an den besagten Terminen seitens der plötzlich überall aus dem Boden schießenden kleinen Plattenfirmen zusätzlich jede Menge Sonderausgaben in Vinyl an. Teils handelte es sich um Neuauflagen bereits auf CD erhältlicher Alben, teils um neuaufgelegte Singles von bekannten Titeln, und teils um farbige Pressungen. Auch die großen der Branche, also Sony oder Universal, stiegen wieder in den Markt mit den schwarzen und bunten Scheiben ein.
Die positive Resonanz dieser ganzen Entwicklung führte in den letzten Jahren dazu, dass diese Record Store Days sogar als Plattformen zur Vorstellung neuer Tonträger genutzt werden, wie beispielsweise im April 2018, als Elvis Presleys „The King in the Ring“ dort als Doppel-LP auf rotem Vinyl in einer Auflage von 3000 Stück auftauchte; die offizielle Veröffentlichung dieses Sets erfolgte erst im November jenen Jahres auf schwarzem Vinyl – übrigens: auf die passende CD-Ausgabe warten die Fans bislang vergeblich.
Anfänglich gab es seitens der US-Country Szene nur verhaltenes Interesse an solchen Vinyl-Produkten. Außer bei entsprechenden Ausgaben von Hank Williams oder Johnny Cash stand Nashville bei dieser Welle eher außen vor. Bei den damals noch recht wenigen Country-Editionen auf Vinyl handelte es sich fast ausschließlich um Sonderpressungen, die nur in bestimmten Läden wie Cracker Barrel, Target, Walmart oder Starbucks abgegeben wurden. Aber da die Verkaufszahlen der CDs auch in der Country Music einbrachen, und Downloads sowie Streaming-Plattformen den fehlenden Umsatz nicht kompensieren konnten, schwenkte man bei den Verantwortlichen irgendwann um. Statt lediglich die inzwischen weniger gefragten CDs oder Downloads anzubieten, erschienen seit den letzten vier Jahren immer mehr neue Alben physisch nicht nur als CD, sondern gleichzeitig auch als LP. Und auch die Record Store Days erfuhren seitens Nashville eine deutliche Aufwertung: die Pistol Annies präsentierten dort zwar schon 2012 ihre Vinylausgabe von „Hell on Heels“, doch erst seit 2014 findet man dort auch seitens der Country Music echte Exklusiv-Ausgaben: Eric Church stellte einzig dort sein Album „The Outsiders“ als Doppel-LP mit zwei Bonustiteln vor, und im gleichen Jahr gab es von Dolly Parton mit „Blue Smoke“ eine auf 3500 Stück limitierte Single samt Bildhülle zu erwerben. Seitdem geht es weiter, und wie beispielsweise Chris Stapleton oder Lee Ann Womack oder erst kürzlich noch das Trio Midland nutzen inzwischen vermehrt auch Interpreten aus Nashville diese speziellen Tage zur Werbung für ihre limitierten Scheiben.
Inzwischen passte sich die Country Music dieser Entwicklung völlig an. Kacey Musgraves „Christmas Show“ erschien im Oktober in weißem und roten Vinyl, Tim McGraw bietet sein „Here on Earth“ seit August als Doppel-LP sowohl in schwarzer als auch purpur-orangener Ausgabe an, Luke Combs ergänzt seine imposante Reihe der „What You See …“-Alben um 3er-LP-Sets, die sowohl in schwarzem als auch blauem Vinyl erhältlich sind. Luke Bryan setzt dagegen einzig auf Verkäufe bei Walmart, denn seine LP „# 1‘s Volume 1“ gibt es nur dort, nur in „root beer“-farbigem Vinyl, und ist bislang nicht auf CD erhältlich.
Extrembeispiele finden sich natürlich auch, wie bei Taylor Swift. Bei deren Veröffentlichungen zum Album „Folklore“ verliert man inzwischen gar den Überblick. Parallel zu den rund zehn äußerlich leicht unterschiedlichen CD-Ausgaben erschienen im November rund zehn letztendlich gleiche LPs, allerdings in verschiedenen Farbtönen, bzw. als Picture Disc. Zusätzlich ließen sich über Taylors Website auch noch einige Single-Ausgaben in farbigem Vinyl erwerben, wahlweise in 7“ oder 12“-Versionen. Man wird abwarten müssen, wie lange die Fans dies finanziell durchhalten. Taylor bietet sogar noch ein weiteres Schmankerl, nämlich eine „Folklore“-Ausgabe als Audio-Cassette, inzwischen ergänzt durch eine entsprechende Ausgabe des Vorgänger-Albums „Lover“. Das analoge Format der auch MusiCassette genannten, vordem weit verbreiteten Tonträger, verschwand gegen Ende der neunziger Jahre ebenfalls fast völlig, und erlebt seit kurzer Zeit eine Art kleiner Renaissance. Denn nicht nur Taylor führt solch eine Rarität im Angebot, sondern auch Paul McCartney pries dies schon vor zwei Jahren bei seinem Album „Egypt Station“ an, und aktuell ebenfalls bei seiner „McCartney III“-Ausgabe. Die texanische Band Midland stellte vor rund zwei Jahren gleichfalls ihr „On the Rocks“ auf einer Cassette vor. Auch Dolly Parton nutzt seit November bei ihrer „A Holly Dolly Christmas“ alle Varianten. Neben zwei CD-Ausgaben mit unterschiedlichen Cover-Farben lassen sich auch noch sechs verschiedenfarbige LP-Versionen ordern. Dazu gibt es das Album auch noch als Audio-Cassette, mit einem Bonus-Titel. Aber Dolly toppt dies alles, denn bei ihr lässt sich die „Christmas“ zusätzlich noch als sogenannter 8-Track bestellen, ebenfalls mit einem Extrasong. Jetzt wird hier manche/r Leser/in vermutlich den Kopf schütteln. Diese analogen, einspuligen Tonträger (auch Cartridges genannt) gab es in den USA während der sechziger und siebziger Jahre in fast allen PKWs, bevor sie von den zweispuligen Audio-Cassetten verdrängt wurden. Die letzten Exemplare an 8-Tracks erschienen während der achtziger Jahre, und seitdem gab es keine Nachfrage mehr. Doch auch hierbei hatten übrigens die Texaner von Midland die Nase vorn, als sie nämlich bereits 2019 ihr immer noch aktuelles Album „Let It Roll“ überraschend als 8-Track anboten. Sowohl Dolly als auch Midland stießen damit natürlich die Tür zur lange verschlossen geglaubten analogen Welt noch weiter auf.
Einerseits ist es schön, dass diese Besinnung auf die vielfältigen Variationen an Tonträgern jetzt von Künstlern aus der Country Music vorangetrieben wird, womit natürlich auch die Kreativität und der Marktwert dieses Genres deutlich wird. Andererseits stehen aber den Sammlern unter den Fans nun kostspielige Zeiten ins Haus, rangieren doch die analogen Exemplare preislich teils um ein vielfaches höher als die digitalen Pendants. Statt sich wie noch vor ein paar Jahren einzig zwischen Download oder CD-Kauf entscheiden zu müssen, stellt sich nun die Frage: Download, CD, Vinyl, Cassette, 8-Track, oder vielleicht in Kürze gar noch Reel-to-Reel-Tape, also das klassische Tonband? Auf die Musikszene – und nicht nur speziell auf die Country Music – kommen interessante Zeiten zu.
Ulrich K. Baues