Verstorben: Oberste Autorität in Sachen US-Charts

Namen und Nachrichten

Vor wenigen Wochen erreichte uns die traurige Nachricht vom Ableben eines langjährigen publizistischen Weggefährten. Joel Whitburn entschlief im vorigen Monat (14. Juni) friedlich im Alter von 82 Jahren in seiner Heimatstadt Menomonee Falls. Mit ihm ging jemand von uns, der die Entwicklung populärer Musik in den USA über viele Jahrzehnte hinweg akribisch dokumentierte. Die „Geschichtsbücher der Popmusik“, als welche man Hitparaden manchmal treffend einschätzt, wertete Joel aus, und hielt somit für nachfolgende Generationen fest, welche musikalischen Stile oder Stars zu bestimmten Zeiten besonders populär waren. Darüber hinaus legte er sich im Laufe der Jahre eine gigantische Sammlung an Schallplatten zu. Er selbst verwies stolz darauf, jedes (!) irgendwann mal irgendwo in einer „Billboard“-Hitparade aufgetauchte Album zu besitzen, und darüber hinaus mehr als 200 000 Vinyl-Singles.
Die Initialzündung zu seiner späteren beruflichen Laufbahn erfolgte durch das wöchentlich erscheinende Fachmagazin „Billboard“. Dessen Reiz erlag Joel bereits zu Beginn der fünfziger Jahre. Freilich beschränkte er sich nicht nur auf die reine Lektüre, sondern verfolgte gespannt alle Chartverläufe, und ab 1958 besonders die der inzwischen legendären „Hot 100“. Das Sammeln und dann folgende Auswerten jener wöchentlichen Bilanzen versetzte ihn bald in die Lage mitzuteilen, wer wann in dieser Hitparade auftauchte, wie lange die jeweilige Vinyl-Single dort verblieb, und welche Plazierung sie erreichte. Solche gebündelten Informationen gab es bislang kaum, denn ein dem jetzigen Internet vergleichbares Medium existierte damals nicht. Die hierfür avisierten Zielgruppen hießen denn auch Journalisten, Radio-Moderatoren, Diskjockeys, Musikhistoriker, und eigentlich nur im geringen Maße Musikkonsumenten.
Instinktiv spürte Joel, auf eine Marktlücke gestoßen zu sein, und wagte den Sprung ins kalte Wasser. Er beendete seine Tätigkeit in der Vertriebsabteilung der Schallplattenfirma RCA, und gründete daheim in Menomonee Falls, WI unter dem Namen „Record Research“ seinen eigenen Verlag. 1970 erschien mit dem Taschenbuch „Top Pop Singles“ die erste Veröffentlichung. Alphabetisch geordnet, führte Joel darin alle Interpret/inn/en auf, denen bisher ein Einzug unter die „Hot 100“ glückte. Unter jedem Eintrag erfolgte eine chronologische Auflistung der Singles, mit dem Datum des erstmaligen Charteintritts, der höchsten erreichten Plazierung, wie lange sich die betreffende Scheibe darin aufhielt, dazu natürlich der Titel des Songs, sowie Schallplattenfirma und Katalognummer. Der Erfolg gab Joel mehr als recht – erstmals ergab sich für beruflich im Musikgeschäft Tätige die Möglichkeit, die Bedeutung eines Stars und den Erfolg einer Hit-Single anhand verlässlicher Daten realistisch einzuschätzen. Joels potentieller Kundenkreis vergrößerte sich somit um Veranstalter und Manager. Unverzüglich dehnte er seine Recherchen daher auch auf andere musikalische Genres und Formate aus.
Für die Country-Szene eröffnete sich diese schöne neue Welt im Jahr 1972, als die „Top Country & Western Records 1949-1971“ erschienen, gleichfalls noch im Taschenbuchformat.
Für heutige Verhältnisse wirkt der Band eher bescheiden, schlichte Aufmachung, lediglich rund 150 Seiten, davon nur einige mit s/w-Abbildungen. Doch der Inhalt erwies sich als mindestens ebenso sensationell, wie zuvor bei der Popmusik. Hunderte von Künstler/inne/n der Country Music fanden sich nun hier mit ihren Singles genannt, sofern sie sich zuvor in diesen Charts zu plazieren vermochten. Viele Diskografien ließen sich jetzt vervollständigen, und mancher seltene oder sogar zuvor unbekannte Song des jeweiligen Stars tauchte hier auf. Dank der Angaben von Label und Katalognummer konnte nun gezielt gesucht werden, usw. Inzwischen kann dieses auf fast 550 Seiten deutlich erweiterte Nachschlagewerk unter dem Titel „Top Country Singles 1944-2017“ bereits auf seine 9. Auflage verweisen (s. Country-Mag vom 23. Dezember 2018).
Es blieb dann nicht beim doch etwas empfindlichen Taschenbuchformat. Die Datenmengen vergrößerten sich über die Jahre hinweg ins Uferlose, und Joel fügte den Einträgen stets noch weitere Informationen hinzu, wie Kurzbios, Komponisten, Awards, goldene Schallplatten, Fotos, etc. Auch den immer umfangreicheren Anhängen wie Top Artists, Top Hits, # 1 Hits, etc. widmete er mehr und mehr Aufmerksamkeit. Bei den derzeitigen regulären Ausgaben handelt es sich daher mittlerweile fast ausschließlich um gebundene Bücher. Teilweise verfügen sie über Seitenzahlen bis rund 1600, sind also mittels Buchbindung kaum noch zu bändigen, wie bei den „Top Pop Albums 1955-2016“ (s. Country-Mag vom 27. Juli 2019). Im vergangenen halben Jahrhundert seines Bestehens veröffentlichte der Verlag „Record Research“ unter Berücksichtigung von jeweiligen Neuauflagen hunderte Ausgaben. Unterschiedliche Genres fanden Berücksichtigung, wie Singles mit Rhythm & Blues/Soul oder Easy Listening, die LPs bzw. Alben aller maßgeblichen Charts, viele Jahrbücher, spezielle Zusammenstellungen, Abdrucke vollständiger „Hot 100“-Seiten ganzer Jahrzehnte, usw. Die inzwischen auch betriebenen Auswertungen weiterer US-Fachmagazine wie „Cash Box“ und „Music Vendor“ bzw. „Record World“ vervollständigen das gigantische Portfolio.
Nicht genug damit, brachte Joel auch in Zusammenarbeit mit „Billboard“ weitere Bücher im Verlag „Watson-Guptill“ heraus, wie „The Billboard Book of Top 40 Country Hits“ (s. Western Mail vom Juli 2007). Und ebenfalls gemeinsam mit „Billboard“ redigierte er erfolgreich viele nach Themen oder Jahren gegliederte CD-Ausgaben.
Der stets angenehme Kontakt des BER-Verlags mit „Record Research“ und seinen Mitarbeitern begann bereits in den neunziger Jahren, und setzte sich bis zur Gegenwart fort. Immer erhielten wir die Ehre, seine konstant brillanten Veröffentlichungen unseren Leser/inne/n im deutschsprachigen Raum vorzustellen. Wir werden Joel Whitburn sehr vermissen.
Ulrich K. Baues