Kaum gewürdigt – Dean Martins 100. Geburtstag

Die ersten Tage im Juni dieses Jahres hielten die ganze Welt in Atem. Die Terroranschläge in London und Teheran, und die Präsidentschaftswahl in Frankreich füllten die Spalten der Tageszeitungen, und nahmen die meiste Zeit der Nachrichtensendungen im Radio und Fernsehen in Beschlag. Bei solchen Ereignissen werden weniger wichtige Dinge natürlich in den Hintergrund gedrängt. So ging der einhundertste Geburtstag von Dean Martin fast völlig unter. Nur in einigen wenigen Country Music Sendungen fand er zumindest Erwähnung, wobei leider nur in Einzelfällen auch einer seiner schönen Country-Titel gespielt wurde. Auch in anderen Musik- bzw. Nachrichtensendungen gab es nur selten einen Hinweis auf diesen besonderen Tag. Im Vergleich zur Berichterstattung über Elvis Presleys 40. Todestag am 16. August fand Dean Martins 100. Geburtstag bedauerlicherweise kaum Berücksichtigung.
Dean Martin erblickte am 7. Juni 1917 als Kind italienischer Einwanderer unter dem Namen Dino Crocetti in Steubenville, Ohio das Licht der Welt. Angeblich sprach er bis zum Alter von fünf Jahren hauptsächlich italienisch, was damals in den USA bei den Familien der Immigranten nichts Ungewöhnliches darstellte. Er schlug sich nach der Schule als Stahlarbeiter und Boxer durch, und verschob sogar in den Jahren der Prohibition illegal gebrannten Whiskey an durstige Abnehmer.  
Auf die Idee, seinen Lebensunterhalt mit Singen zu verdienen, brachten ihn einige Angehörige seines familiären Umfelds. Auch damals schon versuchten viele junge Leute, Gesangskarrieren zu starten. Die meisten scheiterten, ebenso wie heutzutage. Aber trotzdem gibt es eine bemerkenswerte Liste männlicher US-Interpreten mit italienischen Wurzeln, die in jenen Jahren erste Erfolge verzeichneten. Frank Sinatra gehört dazu, Mario Lanza, Al Martino, oder Perry Como. Sie alle feierten riesige Erfolge in der Musikbranche der USA. Dean Martin erhielt 1940 – jetzt mit seinem allseits bekannten Namen – seinen ersten Vertrag als Sänger beim Orchester von Sammy Watkins: so lief es damals, die Orchester waren die Zugpferde, und die Sänger eigentlich austauschbar. Aber dann brach sich auch das schauspielerische Talent in ihm seine Bahn. Durch einige Zufälle begünstigt, taten sich Dean und der kürzlich erst (20. August 2017) verstorbene Komiker Jerry Lewis zusammen, und bildeten für genau zehn Jahre ein allseits bekanntes und beliebtes Duo, welches in seinen Bühnenshows das Publikum mitriss. Auch mit den zahlreichen gemeinsamen Spielfilmen sorgten sie für lange Schlangen an den Kinokassen. Aus persönlichen Gründen kam es 1956 zum Bruch dieser bis dahin so erfolgreichen Verbindung.
Dean Martin feierte aber auch solo weiterhin Erfolge. Seine Gesangskarriere festigte er mit solchen Welthits wie „Memories Are Made of This“ (1956), „Return to Me“ (1958), oder „Everybody Loves Somebody“ (1964). Seine Filmkarriere umfasste u. a. Western wie “Rio Bravo” (1959), “Die siegreichen Drei” (1962), “Vier für Texas“ (1963), oder „Bandolero“ (1968). Hinzu kamen die insgesamt vier teils höchst erfolgreichen Krimis der „Matt Helm“-Reihe, worin die James Bond-Erfolge verulkt wurden. Andere Filme wie „Frankie und seine Spießgesellen“ oder „Sieben gegen Chicago“ fanden viele Jahre später Nachahmer in der mehrteiligen „Ocean“-Reihe, u. a. mit George Clooney und MattDamon. Die Serie seiner erfolgreichen Filme endete erst 1983 mit dem „Cannonball Run II“ („Auf dem Highway ist wieder die Hölle los“).
In jenen sechziger Jahren gab Dean Martin sogar den Gastgeber einer eigenen TV-Showreihe, mit der er einen riesigen Publikumszuspruch verzeichnete. Zehn Jahre lang drängten sich die damals Prominenten geradezu danach, als Gast in diese Sendung eingeladen zu werden. Hinzu gesellten sich seine Engagements in den Casinos von Las Vegas. Zusammen mit Frank Sinatra und weiteren ständigen Begleitern trat er dort regelmäßig auf, woraufhin der Ausdruck „Rat Pack“ die Runde machte, und er seitdem bis auf den heutigen Tag als „King of Cool“ angesehen wird.
Musikalisch beschritt Dean Martin schon immer neue Wege. Langspielplatten mit Titeln wie „Italian Love Songs“, „French Style“ oder „Dino Latino“ überzeugten zu Beginn der sechziger Jahre auch kritische Pressestimmen von der Vielseitigkeit des Interpreten. Ebenfalls in den sechziger Jahren näherte sich Dean Martin dann mehr und mehr der Country Music an. So richtig begann es zum Jahresbeginn 1963, als die LP „Country Style“ erschien. Der Name des Interpreten lautete hier tatsächlich Dean „Tex“ Martin, was der ganzen Aktion einen Kick in Richtung „Country & Western“ gab. Inhaltlich bot die LP mit Songs wie „Hey, Good Looking“ oder „I Walk the Line“ ein Dutzend bekannter Standards, Die Single „Face in a Crowd“ landete allerdings nur unter „ferner liefen“. Mit derselben Strategie folgte im Sommer 1963 die LP „Rides Again“, ebenfalls mit zwölf Aufnahmen, allerdings hinterließ die diesmalige Singleauskopplung „My Sugar’s Gone“ absolut keine Spuren in den Charts. Spätere LP-Veröffentlichungen erfolgten wieder ohne „Tex“-Zusatz, und trugen Namen wie „Welcome to My World“, „Gentle on My Mind“, „My Woman, My Woman, My Wife“ oder „For the Good Times“. Seine Stimme passte genau zu den sorgfältig ausgewählten Songs mit dem damals so populären Nashville Sound. Aber erst 1983 brachte Dean dann im Duett mit Conway Twitty und dem wohl ironisch gemeinten Titel „My First Country Song“ seine einzige Single in den Country Charts unter. Seine Studioaufnahmen tätigte er hierfür im Januar 1983 in der Music City, für seine Debut-LP bei Warner Brothers, „The Nashville Sessions“. Es sollte sein letzter Besuch in einem Aufnahmestudio sein.
Danach ging es für Dean Martin gesundheitlich bergab. Über den Unfalltod seines Sohnes Dean Paul kam er nicht hinweg. Der Versuch seines alten Freundes Frank Sinatra, ihn durch Mitwirkung an der „Together Again“-Tour etwas aufzumuntern, scheiterte. Es folgten kurz darauf die schlimmen Diagnosen „Alzheimer“ und „Lungenkrebs“. Am Weihnachtstag 1995 besiegte der Krebs den großartigen Sänger und Schauspieler Dean Martin im Alter von 78 Jahren in Beverly Hills, Kalifornien.

 

 

 

 

 

 

Western-Filmografie

Wo Männer noch Männer sind (Pardners) 1955 mit Jerry Lewis
Rio Bravo (Rio Bravo) 1959 mit John Wayne
Die siegreichen Drei (Sergeants 3) 1962 mit Frank Sinatra
Vier für Texas (Four for Texas) 1963 mit Frank Sinatra
Die vier Söhne der Katie Elder (The Sons of Katie Elder) 1965 mit John Wayne
Zwei tolle Kerle in Texas (Texas Across the River) 1966 mit Alain Delon
Als Jim Dolan kam (Rough Night in Jericho) 1967 mit Jean Simmons
Bandolero (Bandolero!) 1968 mit James Stewart
Todfeinde (Five Card Stud) 1968 mit Robert Mitchum
El Capitano (Something Big) 1972 mit Brian Keith
Die Geier warten schon (Showdown) 1973 mit Rock Hudson

Diskografie (Auswahl)

Bear Family BCD16343 Everybody Loves Somebody CD/DVD
Bear Family BCD16586 Lay Some Happiness on Me CD/DVD
Sony Music 88875-10807-2 Original Album Classics CD
Warner Music 07599-23870-1 The Nashville Sessions Vinyl-LP

Biografie (Empfehlung)

Verlag Doubleday ISBN 978-0-385-26216-7 “Dino” von Nick Tosches

Ulrich K. Baues