CD-Box: George Harrison – All Things Must Pass 50th Anniversary

In der Rückschau stellt sich für die Beatles das Jahr 1970 musikalisch als eine Phase voller dramatischer und überraschender Entwicklungen dar. Zum ersten Paukenschlag holte seinerzeit ausgerechnet der sonst eher zurückhaltende Ringo Starr aus, als im März seine Solo-LP „Sentimental Journey“ (Apple SW 3365) in Großbritannien vorgestellt wurde. Kaum drei Wochen später gab Paul McCartney die Auflösung der Beatles bekannt, und bewarb gleichzeitig sein erstes Solo-Album „McCartney“ (SMAS 3363). Im Monat darauf erschien mit „Let It Be“ (AR 34001) die letzte gemeinsame LP der Beatles. Die beiden im Folgenden daraus ausgekoppelten Singles „Let It Be“ (Apple 2764) und „The Long and Winding Road” (Apple 2832) bescherten den vier Liverpooler Musikern noch einmal Spitzenpositionen in den maßgeblichen US-Charts und auch weltweit. John Lennon und Gattin Yoko Ono konzentrierten sich stattdessen bevorzugt auf ihr bereits seit dem Vorjahr erfolgreich laufendes Projekt der Plastic Ono Band, und planten zum Jahresende die Veröffentlichung neuer Songs. Ringo Starr brachte im September mit seiner Country-LP „Beaucoups of Blues“ (SMAS 3368) noch ein weiteres Soloalbum auf den Markt. Nur bei George Harrison tat sich in jenen Monaten nach außen hin wenig. Er wartete tatsächlich bis Ende November 1970, um aber dann mit Macht nach vorne zu drängen. Eingeläutet wurde das Ganze durch die Aussendung der Promos seiner allerersten Solo-Single an Musikmagazine, und kurz darauf an die Radiostationen. Besonders im weltweit umsatzstärksten US-Markt stellten die einflussreichen Fachzeitschriften wie Billboard, Cashbox und Record World dann „My Sweet Lord“ / „Isn’t It a Pity“ (Apple 2995) ihren Lesern vor. Hinweise, welcher Titel als A- oder B-Seite zu betrachten wäre, gab es seitens Apple nicht. Unter den angesprochenen Journalisten sah man daher fast einhellig das mehr als sieben Minuten lange „Pity“ als die eindrucksvollere A-Seite an, und bewertete es als Hymne a la „Hey Jude“. Dagegen verortete man „Lord“ korrekt in der Gospelecke, und pries es durch Vergleiche mit „Oh Happy Day“. Und schon von Beginn an fiel hier manchen Musikkritikern bereits die Ähnlichkeit mit „He’s So Fine“ auf, einem früheren Erfolg des weiblichen R & B-Trios The Chiffons. Viele Jahre später sollte dies noch ein teures Nachspiel für George verursachen. Aber wie man weiß, plazierten sich beide Seiten von Georges Single blitzschnell in den Charts ganz weit oben. „Lord“ erreichte in den Cashbox „Top 100 Singles“ noch kurz vor den Weihnachtstagen 1970 den Spitzenplatz. Nur wenige Tage darauf, genau am Schluss des langen Wochenendes zu den Feiertagen, besetzte der Titel dann auch in den legendären „Hot 100“ des Konkurrenzblatts Billboard die Führungsposition. Vier Wochen lang verweilte die Single dort. Und rechtzeitig zu dieser umsatzträchtigen Zeit – also den heißesten vier Wochen im US-Weihnachtsgeschäft – lag auch „All Things Must Pass“ als 3er-LP-Box (Apple STCH 639) in den Läden. Die Verkaufszahlen der Box schossen wie erwartet durch die Decke, und noch kurz vor Weihnachten erkannte der hierfür zuständige Musikindustrieverband RIAA sowohl der Single als auch dem 3er-Album den Status „Goldene Schallplatten“ zu.
George konnte also in den USA schon vor dem Jahreswechsel 1970/71 sowohl bei den Singles als auch den Alben auf erste Plätze vorstoßen. In Kanada lief es sogar noch flotter ab, denn im Land des Ahornblatts erwies sich die Box schon vor Weihnachten als das meistverkaufte Album. Kurz davor hatte auch die Single bereits den Spitzenplatz erobert, und verblieb dort noch den ganzen Januar und Februar 1971 über – hier erhielt jedoch „Isn’t It a Pity“ den Vorzug. In Georges britischer Heimat folgte dieser Triumph erst mit einigen Wochen Verzögerung, da die Single den Fans dort erst ab Januar 1971 angeboten wurde, ebenso in Australien. In Deutschland setzte sich der „Lord“ von Ende Januar bis Anfang April 1971 für stolze zehn Wochen lang an der Spitze der Musikmarkt-Charts fest. So oder ähnlich lief es rund um den Globus. Als die Verkaufszahlen zu fallen begannen, gab es mit „What Is Life“ / „Apple Scruffs“ (Apple 1828) eine weitere Auskopplung aus dem üppigen Material der Box. Der Erfolg wiederholte sich, wenn auch in etwas geringerem Umfang.
Zum Jahreswechsel 1970/71 galt George Harrison als derjenige Ex-Beatle mit den bis dato größten Erfolgen; hierbei löste ihn Paul McCartney später ab. Mit dieser 3er-LP „All Things Must Pass” schrieb George allerdings seinerzeit ein Stück Musikgeschichte. Mehr als fünfzig Jahre nach der ersten Veröffentlichung lässt sich dieses musikalische Glanzstück wieder erwerben, in allerbester Tonqualität, und mit reichlich Bonusmaterial ausgestattet. Die bisher ab und zu erhältlichen Wiederveröffentlichungen auf CD oder Vinyl können hier nicht mithalten. Allen gemein bleibt aber das liebenswerte Cover, worauf sich George wie ein Gärtner samt seinen putzigen Gartenzwergen zeigt. Was bleibt, sind auch jetzt sämtliche 23 Titel der damaligen LP-Box. Dies gilt für alle Variationen dieser Neu-Veröffentlichung, wobei man auf sämtlichen Covern stets den Zusatz „50th Anniversary“ findet. Bei der Grundversion als Doppel-CD (Capitol 3565240) bleibt es auch bei der Anzahl der Titel. Etwas spannender wird es dann bei der hier vorliegenden 3-CD-Box, wo die CD-3 mit fast zwanzig sogenannten Session Outtakes und Jams aufwartet, darunter „Get Back“. Ein Faltblatt mit Texten, sowie ein illustriertes Booklet mit zahlreichen Informationen zur Erstellung dieser Jubläumsausgabe, liegen bei. Dem setzte der US-Handelsriese Target noch eins drauf, indem er für kurze Zeit diese 3-CD-Box um einen Stapel Sticker erweiterte, und sie dann als „Target Exclusive“ zu einem merklich höheren Preis anbot (Capitol 3845036). Bei der 3-LP-Box findet der Käufer dann wieder ausschließlich die ursprünglichen 23 Titel vor (Capitol 3565241), und erst bei der mit „Deluxe 5-LP Box Set“ beworbenen Ausgabe (Capitol 3567601) erreicht man dank der Outtakes wieder den Stand der hier vorliegenden 3er-CD. Aber es geht noch weiter: die als „Super Deluxe 8 LP Box Set“ angepriesene Version (Capitol 3565237) baut auf das musikalische Material der 5-LP-Variante auf, und verfügt somit über rund vierzig bislang unveröffentlichte Takes. Digital kann hier allenfalls noch der „Super Deluxe 5 CD/1 Blu-ray Box Set“ (Capitol 3565238) mithalten, zumal hier erstmalig alle Songs der Original-LPs in Bluray-Audio-Qualität geboten werden. Beiden „Super Deluxe“-Ausgaben liegen sowohl ein Scrapbook von Georges Gattin Olivia, als auch ein Nachdruck des damaligen Albumposters bei. Den – auch preislichen – Vogel schießt dann der Uber Box Set ab (Capitol 3565235), wobei Uber hier nicht für den umstrittenen Fahrdienstvermittler steht, sondern einen englischsprachigen Germanismus für „Über“ oder „Mega“ darstellt. Wohl wahr, denn für satte 1000 (!) US-Dollar erhält der Käufer tatsächlich eine große  verzierte Holzbox, darin ein beträchtlich erweitertes Scrapbook von Olivia, sowie ein zusätzliches 44seitiges Büchlein über die Entstehungsgeschichte zu „All Things Must Pass“. Als echten Clou lassen sich dann die Nachbildungen von George und den Gartenzwergen als Figuren im Maßstab 1:6 einstufen. Einige weitere Zutaten, wie der Nachdruck des Album-Posters, ergänzen diese Sammlung. Musikalisch bietet diese Box bei insgesamt siebzig Tracks natürlich alles – die acht LPs, die fünf CDs und die Bluray; darunter hört man natürlich auch die mehr als vierzig bislang unveröffentlichten Takes.
Folgt man dem Buch „The Beatles and Country Music” von Don Cusic (siehe Country-Mag vom 2. Dezember 2015), schaffte es George Harrison nie nach Nashville. Nichtsdestotrotz spielte sein „Lord“ in der Country Music für kurze Zeit eine bedeutende Rolle, als nämlich die Interpretin Jody Miller aus Arizona dort 1971 mit „He’s So Fine“ einen ausgewachsenen Hit landen konnte. Überdies gehören hierzulande sowohl „My Sweet Lord“ als auch „What Is Life“ wegen ihrer deutlich der Country Music zuzuweisenden Akkorde bei mehreren Bands zum festen Repertoire.     
Ulrich K. Baues