CD: The Georgia Thunderbolts - Can We Get A Witness

Sie kommen, wie so viele ihrer musikalischen Seelenverwandten, aus dem U.S.-Bundesstaat Georgia, haben den Namen ihres Heimatstaates selbstbewußt und stolz in ihren Bandnamen eingebunden und sind damit geradezu prädestiniert dafür, sich einer ganz bestimmten Musikrichtung zu verschreiben, was die Georgia Thunderbolts dann auch mit "Leib und Seele" tun: dem Southern Rock! Und wie ihnen das gelingt - saustark! Die musikalischen Wurzeln des aus dem kleinen, im Süden der Appalachen liegenden Städtchen Rome stammende Quintett, bestehend aus T.J. Lyle (lead vocals), Riley Couzzourt (guitar), Logan Tolbert (guitar), Zach Everett (bass, harmony vocals, keys), und Bristol Perry (drums), liegen sehr tief verankert, und das ist auch gut so, im klassischen, zeitlosen Southern Rock solcher Größen wie Lynyrd Skynyrd, Molly Hatchet und The Allman Brothers Band, was wirklich die Basis ihrer großartigen Musik darstellt, doch sie fühlen sich auch durchaus vom Hardrock- und gar Metal-Genre inspiriert, was sie, mal mehr und mal weniger deutlich, in dem ein oder anderen Song genüßlich ausleben. Ihr Southern Rock ist klassisch, aber sie bevorzugen schon die etwas härtere Gangart, was sich vor allen Dingen in den massiven Gitarrenriffs niederschlägt. Strukturen und hervorragende Melodien bleiben deshalb jedoch nie auf der Strecke - im Gegenteil. Das passt alles super! Diese Band präsentiert sich als herausragende Einheit, die ihren harten, stolzierenden Southern Blues mit der Art von Dirt Road-Rock'n'Roll verbindet, den die Leute nicht nur in ihren Herzen sondern auch in ihren Knochen spüren - und das auf einem beeindruckend hohen Niveau. Das Songmaterial ist von vorn bis hinten erstklassig, es gibt keinerlei Ausfälle. Frontmann T.J. Lyle verfügt dazu über eine fantastische Stimme, deren Nähe zu Lynyrd Skynyrd-Legende Johnny Van Zant schon frappierend ist, der aber gleichzeitig auch in der Lage ist, mal einen "geilen" Hardrock-Shouter zu verkörpern. Arrangiert sind die Tracks überwiegend mit massiven, satten Gitarren, inklusive großartiger, zündender, explosiver Soli. Produziert haben im übrigen der alte The Kentucky Headhunters -Recke Richard Young und David Barrick - und das in einem voll fetten Sound. Mit Vollgas und höchster Intensität, ganz anders als es der Songtitel "Take it slow" suggeriert, legt die Band zu Beginn des Albums los. Frontmann T.J. Lyle gibt gleich alles, grölt sich dabei zum Teil die Lunge aus dem Hals, ohne dabei aber je den Melodienbogen zu verlieren oder gar zu "kollabieren". Die Nummer ist geprägt von dynamischen, harten, fast schon metallischen Gitarrenriffs, einer prächtigen, voller Southern-Soul steckenden Bluesharp (ebenfalls T.J. Lyle) und herrlichen "southernrockin' guitars", inkl. feurigem Solo. Leidenschaft, Herz, raue und unbekümmerte Spielfreude - das Southern Rock-Feuer brennt! In eine ähnliche Kerbe schlägt das stampfend nach vorn rockende "Lend a hand", abermals angetrieben von druckvollen, wuchtigen Riffs. Brilliert aber auch, gerade im Refrain, mit einer tollen Melodie und das Gitarrensolo im Break geht voll ab. Apropos Melodie: Diese ist geradezu traumhaft schön bei dem umwerfenden "Looking for an old friend", einem klassischen, genauso knackigen und kräftigen, wie lockeren, flotten Vorzeige-Southernrocker, irgendwo in der Schnittmenge zwischen Lynyrd Skynyrd und The Marshall Tucker Band. Fantastische Nummer! Das folgende "Spirit of a workin' man" ist ein weiteres Musterbeispiel für die erfrischende Variabilität der Band und ihr gutes Händchen für spannende Songstrukturen. Beginnt recht straight und hart, kehrt während des Songverlaufs auch immer mal wieder dorthin zurück, variiert aber zwischendurch, vor allem während der Strophen, zudem mit wunderbar lockernen, jammigen, ein schönes Allmans-Feeling versprühenden Passagen (klasse Twin-Gitarren). Sie bleiben bei den Allmans und widmen sich nun derem allseits bekannten "Midnight rider", covern diesen Klassiker aber so, wie man ihn selten gehört hat. Sie bewahren mit aller Natürlichkeit den ursprünglichen, lockeren Allmans-Spirit (herrliche Twin-Gitarren), implementieren aber darüber hinaus eine sehr kernige, mächtige Hard Rock-Wucht. Ein schmale Grat, den die Band mit absoluter Bravour meistert. Toll gemacht! So jagt, wie gesagt, eine starke Nummer die nächste, wie etwa das bluesige (schöne Mundharmonika), harte, mit tollen, wechselseitigen Lead Gitarren aufwartende "Half glass woman", das abermals mit jeder Menge Lynyrd Skynyrd-Spirit inszenierte, lockere "Dancin' with the devil", der von hypnotischen Metal-Riffs bestimmte, sehr druckvolle Southern Rocker "Can I get a witness", bis das Album schließlich nochmal mit einem absoluten Highlight endet, der grandiosen, geradezu epischen, sehr variabel inszenierten, dezent progressiv angehauchten Southern Rock-Hymne "Set me free" (großartige Gitarrenläufe). Die Georgia Thunderbolts sind eine weitere, fantastische Southern Rock Band, die dem Genre richtig gut tut und ihm frisches Leben einhaucht. Sie verkörpern den Geist legendärer Southern Rock-Granden genauso, wie den aktuell erfolgreicher Kollegen ala Blackberry Smoke & Co., injizieren dem klassischen Southern Rock aber auch, ohne ihn neu erfinden zu wollen, einen würzigen Schuß reichhaltiger, eigener Identität. Und das machen sie saustark! Die Georgia Thunderbolts mit einem echten, knapp 55-minütigen, bärenstarken Southern Rock-Pfund!
Jürgen Thomae