Buch: Woodstock – Chronik eines legendären Festivals

Man hätte nach einem flüchtigen Durchblättern dieses großformatigen Buches vermutlich den Begriff „Chronik“ gegen „Bildband“ getauscht, doch der sogenannte Teufel steckt hierbei im Detail. Wer nach Lektüre des vor zehn Jahren verfassten Vorworts von Martin Scorsese weiterliest, stellt umgehend fest, dass es sich hier tatsächlich auch um eine Chronik des legendären 1969er Woodstock-Festivals handelt. Die Vorgeschichte mit Bürgerrechtsbewegung und Vietnamkrieg leitet zu den Machern des Festivals über, und dann zu den konkreten Plänen samt Vorbereitungen für diese Veranstaltung. Bereits diese Phase wird ausgiebig mit teils unbekannten Fotos illustriert. Doch dann geht es mit Kapitel „Erster Tag“ richtig los. Der erste Auftritt (Richie Havens) wird fotografisch dokumentiert, und textlich mittels Uhrzeit, Beschreibung und Songliste begleitet. Und genauso ausführlich geht es dann weiter und weiter, Melanie, Arlo Guthrie, sowie viele andere, und zwischendurch immer wieder ein Blick auf die Zuschauer, die trotz des einsetzenden Regens ausharrten. Die Fortsetzung unter dem Kapitel „Zweiter Tag“ bietet andere Interpreten und Bands, so z. B. John Sebastian, Canned Heat oder Creedence Clearwater Revival, aber ähnliche Bilder von unverdrossenen Zuschauer, die den Widrigkeiten des Wetters die Stirn boten, und trotz der mangelhaften Organisation aushielten. Das Kapitel über den „Dritten Tag“ bietet mit Ten Years After, Sha Na Na und vielen anderen Interpreten weitere musikalische Highlights, die hier alle fotografisch festgehalten und kommentiert werden. Diesen drei Tageskapiteln einschließlich der üppigen Serie mit hunderten von s/w- und Farbfotos folgt eine Abhandlung über diejenigen Künstler, die dabei sein wollten, aber nicht konnten, und weitere, die dabei sein sollten, aber nicht kamen. Interesse dürfte auch die Gewinn- und Verlustrechnung wecken, einmal wegen des ausgewiesenen Fehlbetrags von 1,3 Millionen US-Dollar, aber auch wegen der aufgelisteten Gagen, wonach z. B. Melanie mit 750 US-Dollar abgespeist wurde, und wogegen Joan Baez satte 7500 US-Dollar einstreichen durfte. Ein Blick auf den danach angelaufenen „Woodstock“-Kinofilm, sowie auf die folgenden Festivals der Isle of Wight, Altamont und Glastonbury zeigt dann, dass sich der hochgepriesene Geist von Woodstock schnell verflüchtigte.

Ulrich K. Baues