Buch: Shakin‘ All Over – Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963-1967

Damals brach eine musikalisch berauschende Zeit an – der gute, alte Rock & Roll genoss zwar weiterhin Anerkennung und Zuspruch, doch ganz langsam setzten sich mehr und mehr Beat-Titel in den Repertoires der Live-Bands fest. Musik bestimmte das Leben der Jugendlichen. Mit dieser umfangreichen, bereits in dritter Auflage erschienenen Publikation taucht der Leser in eine der interessantesten Phasen des westdeutschen Musikgeschehens ein. Besser als wie hier dokumentiert, lässt sich dem Leser diese in zeitlicher Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert zurückliegende Ära nicht mehr überzeugend nahebringen. Der „Teil I“ mit seinen neunundzwanzig Kapiteln widmet sich der damaligen Szene, und schildert detailliert die Möglichkeiten der Jugendlichen, die gewünschte Art von Musik zu konsumieren. Ein Rückblick auf die Ankunft der ersten Rock & Roll-Songs in Deutschland schafft den fachlichen Hintergrund. Twist und Indo-Musik lagen gleichfalls mit am Wege. Künstler wie Paul Kuhn. Gerd Böttcher, Billy Sanders, Ted Herold oder Paul Würges genossen Respekt, Beat-Bands wie die „The Lords“ oder „The Rattles“ entstanden jetzt haufenweise, und Lokalitäten wie der Hamburger Star-Club erzielten mit der bekannten Schlagzeile „Die Not hat ein Ende“ viel Aufmerksamkeit. Negative Aspekte werden nicht ausgeblendet, wie verheerende Arbeitsbedingungen für die teils jugendlichen Musiker, wie Betrügereien seitens mancher Wirte, und weitere Schlechtigkeiten. Aber gesellschaftlich gab es auch die ersten Anzeichen geradezu revolutionärer Änderungen, bezogen auf sexuelle Freiheiten, auf lange Haare, auf Bühnenkleidung wie die hier mehrfach abgebildeten „englischen Beat-Boots“, auf Alkoholkonsum, und vieles mehr. Und den Soundtrack zu dieser Atmosphäre schufen dann verstärkt die Beat-Bands, mit wenigen Ausnahmen in überwiegend rein männlicher Zusammensetzung. Daher kam der Autor auf die geniale Idee, alle westdeutschen Lande einschließlich Berlins anhand von Brauereien in zwölf Beat-Provinzen einzuteilen. So geschah es hier von „A“ bis „L“. Mit „C“ findet sich beispielsweise das Rhein-Main-Gebiet bezeichnet, das dort ausgeschenkte Bier hieß „Henniger“, und kam von der gleichnamigen Brauerei. Gleichzeitig bilden diese Buchstaben hier im vorliegenden Band auch die Unterabschnitte von Kapitel 30 im „Teil II“, der satte zwei Drittel des Buches einnimmt. Aus jeder dieser zwölf Provinzen werden dann die wichtigsten Bands vorgestellt. So enthält beispielsweise das Kapitel „30H“ – also über das Ruhrgebiet samt der Dortmunder Actien-Brauerei – neben einleitenden Worten die ausführlichen und teils illustrierten Geschichten von fast zwanzig Bands, darunter „German Blue Flames“ und „The Dukes“, samt deren Diskografien. Dazu gibt eine Art Nachruf auf Benny Quick („Motorbiene“), eine überwiegend diskografisch dominierte Aufstellung über ein Dutzend weniger erfolgreicher Gruppen, sowie mit der Überschrift „Unbelastet, unbeschwert und voll gut drauf:“ eine mehrspaltige und –seitige alphabetische Aufzählung hunderter Bands, mit Angaben über wo und wann aktiv, und den personellen Daten, soweit vorhanden. Sämtliche anderen Unterabschnitte über die besagten zwölf Beat-Provinzen finden sich in ähnlich umfangreicher Art und Weise ausgestattet. Die gigantische Menge an zuvor kaum öffentlich verbreiteter Informationen überrollt beinahe den Leser. Dieses ausführliche Werk stellt hinsichtlich Informationsgehalt einen wirklich opulenten Führer durch diese für Westdeutschland gesellschaftlich und musikalisch umwälzende Ära dar.
Ulrich K. Baues