Buch: Der Polizist (Roman)

Im Original erschien dieser Roman im Oktober vorigen Jahres als „A Time for Mercy“, und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung tobte der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft in voller Härte. In den ersten beiden Novemberwochen stand „Mercy“ bei den „New York Times Fiction Best Sellers“ sogar an erster Stelle. Clever verlegte Grisham die Geschehnisse ins Jahr 1990, und ersparte sich somit sämtliche Anspielungen und Spekulationen zum Ausgang des Duells zwischen Biden und Trump. Der „Polizist“ handelt vom fiktiven Ort Clanton, im nördlichen Mississippi gelegen, irgendwo zwischen Memphis und Tupelo. Wem die Szenerie nun vertraut erscheint, wird sich bestimmt an ältere Grisham-Titel wie „Die Jury“ (1992) oder „Die Erbin“ (2014) erinnern. Handlungsort und mehrere Charaktere sind identisch, und auch der Romanheld Jake Brigance übernimmt hier wieder als Anwalt die Verteidigung. Der gewaltsame Tod eines Polizisten erschüttert Clanton. Dienstlich gab es keine Klagen über Deputy Kofer, aber die laufenden Ermittlungen decken auch seine private dunkle Seite auf. Er lebte mit Josie und ihren beiden Kindern Drew und Kiera zusammen. Im trunkenen Zustand schlug er sie stets alle brutal. In solch einer Nacht geschah es, als er Josie mit einem Kinnhaken niederstreckte. Die Kinder dachten, ihre Mutter wäre tot, und Kofer würde auch sie beide nun umbringen. Drew ergriff daher Kofers Dienstpistole, und erschoss ihn aus nächster Nähe. Da der Täter erst sechzehn Jahre alt ist, die auslösende Situation zwar bedrohlich erschien, aber Tötung von Polizeibeamten in Mississippi grundsätzlich mit Todesstrafe geahndet wird, bereitet die Urteilsfindung genug Probleme. Die Bombe platzt, als die hochschwangere, vierzehnjährige Kiera vor Gericht aussagt, von Kofer vergewaltigt worden zu sein.
Hier steigt Grisham zu gewohnter Form auf, und skizziert treffend die Szenerien und Personen im ländlichen Süden der USA. Außerdem übertreibt er es diesmal nicht mit seinen ansonsten üblichen Anspielungen auf vermeintliche oder tatsächliche Unzulänglichkeiten im US-Rechtssystem. Das erfreuliche Romanende, bei dem sich viele Probleme in Wohlgefallen auflösen, schielt dann offensichtlich in Richtung Hollywood.
Ulrich K. Baues