Vom Klassik-Pianisten zum Country-Musiker

Hätte mich noch vor wenigen Jahren jemand auf Country angesprochen, so hätte ich vermutlich süffisant lächelnd meinen Unmut kundgetan und auf diese Mischung aus seltsamer Kleidung und zumeist verstaubter Musik hingewiesen. Doch wie das Leben so spielt, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Die Story der TCU-Gründung ist mittlerweile vermutlich ausreichend bekannt, ein paar durchaus „bekloppte“ Sauerländer verlaufen sich zufällig auf die Country-Music-Euro-Masters und beschließen eine Countryband zu gründen. Uns zeichnete aus, dass wir dieses Unterfangen tatsächlich zur Belustigung unseres Umfeldes umsetzten. Und das mit mittlerweile bekanntem Erfolg.

Doch war dies nur der Anfang. Country ist mehr, als sich nur einen Hut aufzusetzen und in nicht immer bequeme Stiefel zu schlüpfen. Und ein schlüssiges Country-Album mit 13 Titeln zu komponieren sollte auch keine Arbeit für die Frühstückspause sein. So fielen die ersten Titel denkbar leicht und waren aber zu meinem Unmut eigentlich eher Schlager im Westernstyle. Aber eine Entwicklung begann und je mehr Countryluft ich geschnuppert hatte, desto mehr Country wurde es auch. Die Texte wurden ehrlicher, authentischer und beschrieben denn auch immer mehr dieses besondere Lebensgefühl. Das Zitat und die Beschreibung eines Freundes fällt mir an dieser Stelle ein „Country sind drei Akkorde und die Wahrheit“.

Vor meinen ersten Country-Auftritten hatte ich als erfahrener Pianist und Musiker mit Sicherheit schon einige tausend Auftritte absolviert, doch in der Countryszene war so einiges anders. 

Die Aussage „die Menschen waren toll“ klingt so lapidar und ist doch so treffend. Und in musikalischer Hinsicht ist da entgegen aller Vorurteile rein gar nichts verstaubt.

Vor allem tolerant ist die Szene. Während ich in anderen Genres schon vor 10000den spielte und die Musikfreunde dieser Stilistiken sehr verschlossen waren und selten neues oder andersartiges duldeten (auf einem Rockfestival wurde ich sogar gebeten meinen Cowboyhut vor dem Weg auf die Bühne abzusetzen), scheint mir die Countryszene sehr interessiert und offen zu sein für Neues. In meiner Duobesetzung „Soulfire“ durfte ich jüngst drei erste Preise beim Country Music Award mit nach Hause nehmen, und das, obschon wir ganz bestimmt nicht Traditional spielten, sondern viele jazzige und bluesige Elemente mit auf die Bühne brachten. 

Mittlerweile gilt mein Interesse gar nicht mehr so sehr dem individuellen Erfolg der ein oder anderen Besetzung, sondern eher dem deutschen oder europäischen Country allgemein. Wäre das nicht wunderbar, wenn Country auch bei uns einen größeren Stellenwert hätte? Wenn große Radiosender Country mit in ihr Programm aufnähmen? Wenn wir mehr nicht-country-affine Menschen erreichten und ihnen zeigen, dass Country keineswegs verstaubt, alt oder sogar langweilig ist?

Ja das wäre wunderbar. Country ist eine großartige Sache, so lasst uns zusammen daran arbeiten, dass auch unsere Scene voran kommt, denn nicht nur in den Staaten läuft hervorragender Country.

Beste Grüße Carsten

* Carsten Homberg ist Bandleader der Tumbleweed Country Union und spielt u. a. mit dem Duo Soulfire.