LP: Jack Ingram, Miranda Lambert & Jon Randall ‎– The Marfa Tapes

Eingangs etwas zur Klarstellung: die Reihenfolge bei Nennung der drei Interpreten folgt dem Alphabet, stellt also keine Wertung dar. Und bei Marfa handelt es sich nicht um eine Person, sondern so heißt eine texanische Kleinstadt im Presidio-County. Bei diesem wiederum bildet der Rio Grande nach Süden hin die Grenze zum mexikanischen Bundesstaat Chihuahua. Kennt man Presidio? Natürlich, John Wayne spielte im Western „Rio Bravo“ den Sheriff des Presidio Countys. Hierhin nach Marfa, vierzig Meilen südlich der Interstate 10, zogen sich also drei texanische Musiker seit 2015 mehrfach zurück, in eine Region, die schon länger als Anziehungspunkt für Künstler gilt. Der mit seinen 52 Jahren Älteste des Trios, Jon Randall, arbeitete bereits in den frühen neunziger Jahren als Sänger, Songschreiber und Produzent, und heimste erste Erfolge als Gitarrist der Nash Ramblers von Emmylou Harris ein. Später arbeitete er als Produzent an Aufnahmen von Brad Paisley, Dierks Bentley oder Chase Bryant. Songs wie „Whiskey Lullaby“ entstammen seiner Feder. Seinen einzigen Erfolg als Country-Sänger feierte er 1996 an der Seite von Lorrie Morgan, als ihr Duett „By My Side“ bis unter die Top Twenty der Hot Country Singles & Tracks vorstieß. Der mit seinen 50 Jahren fast gleichaltrige Jack Ingram blickt gleichfalls auf rund dreißig aktive Jahre als Sänger und Songschreiber zurück. Sein größter Erfolg als Interpret hieß "Wherever You Are", womit er im Mai 2006 eine Woche lang auf dem ersten Platz der Hot Country Songs thronte. Einige kleinere Hits schlossen sich an, und 2018 gewann der von ihm gemeinsam mit Jon Randall und Miranda Lambert geschriebene Titel „Tin Man“ den Preis „Song of the Year“ seitens der Academy of Country Music. Mit ihren 37 Jahren handelt es sich bei Miranda Lambert eindeutig um das Nesthäkchen des Trios. Allerdings stellt sie im Moment dessen bekanntestes Mitglied dar. Bei den CMA-Awards im November letzten Jahres gewann sie mit ihrem Song „Bluebird“ den Preis „Music Video of the Year“, und ihrer CD „Wildcard“ verlieh die NARAS im März 2021 einen Grammy als „Best Country Album“. Man sieht, alle drei sind renommierte Künstler, alle drei stammen aus Texas, und alle drei schufen in der einzigartigen Atmosphäre des Presidio Countys die jetzt vorliegenden fünfzehn Songs – die Marfa Tapes. Technisch gab es hierbei keinerlei Aufwand. Laut Beschreibung fanden fast alle Aufnahmen im Freien statt. Man nutzte nur zwei Mikrofone, und begleitete alle Titel lediglich mit einer Gitarre. Da die ersten Singles daraus im März überraschenderweise nicht die erhofften Erfolge erzielten, fürchtete man jedoch um das Gelingen des Projektes. Daher veröffentlichte Miranda im Mai zur Förderung der Albumverkäufe parallel zum Verkaufsstart über ihre Facebook-Seite die Dokumentation „The Marfa Tapes Film“, den man jedoch nur für lediglich 24 Stunden abrufen konnte. Darin gab es Interviews und Filmmaterial von den Aufnahmen, mehrere Titel aus dem Album, sowie einige weitere Songs, die weder auf den beiden LPs, noch auf den Downloads zu hören waren. Die kommerziellen Auswirkungen dieser Aktion hielten sich jedoch in engen Grenzen, denn lediglich ein eher bescheidener Einstieg auf Platz 7 konnte unter den Hot Country Albums verzeichnet werden. Doch schon in der folgenden Woche verschwanden die „Tapes“ wieder völlig aus dem Fokus der Charts. Erstaunlich, denn das Album wirkt zwar ungewöhnlich, jedoch keineswegs langweilig. Bei allen Titeln gibt es nur sehr einfache Instrumentierung, und die Aufnahmen liefen ganz bewusst mit Abstand zum Mikrofon. Den „Tin Man“ kennt man ja bereits von Mirandas mit Platin veredelter Single aus 2017, wenn auch in etwas aufwendigerer Version; hier hört man jetzt erstmalig alle drei Künstler. Auf die Frage „Am I Right or Amarillo“ gab es offensichtlich ebenfalls nur wenig Resonanz. Die weiteren Anspieltipps wie das mit Tempo vorgetragene „Two Step Down To Texas“, oder gar die deutlich rauher besungene „Geraldene“, verfügen durchaus über Radio-Potential. Leisere Titel wie „In His Arms“ oder die neue Version von Mirandas „Tequila Does“ stehen dem in nichts nach. Anscheinend findet die Country-Gemeinde an solchen abgespeckten Aufnahmen keinen Gefallen. Erschwerend kommt das bislang völlige Fehlen einer CD-Ausgabe hinzu, denn das aufklappbare LP-Cover reizt die Fans trotz abgedruckter Songtexte offensichtlich nur in geringem Maße zum Kauf. Besonders für Miranda ist dieser kommerzielle Mißerfolg sehr enttäuschend, da sie sich ja nach den zuletzt allenfalls mäßig gelungenen Aktivitäten mit den Pistol Annies offensichtlich auf der Suche nach anderen und ungewöhnlicheren Wegen in der Country Music befindet.
Ulrich K. Baues