CD-Box: The Everly Brothers – Down in the Bottom

Die zweite Hälfte der sechziger Jahre bedeutete für Phil und Don Everly musikalisch eine höchst kreative Zeit. Ausgelöst durch die später „British Invasion“ genannte Umwälzung überrollte eine neue Welle nach der anderen den US-amerikanischen Musikmarkt. Fast alle US-Interpreten mussten sich diesen existentiellen Herausforderungen stellen. Auch die Everly Brothers erarbeiteten daher zeitgemäße Harmonien, erweiterten ihre instrumentalen Zutaten, dosierten ihre Studiomixe entsprechend, kurzum, sie versuchten – ohne sich dem Beat anzubiedern – in der Erfolgsspur zu bleiben. Leider mündete dies trotz bestens eingespielter Titel nur selten in die ersehnte Präsenz in den Charts. Die hier vorgelegte 3-CD-Box versammelt Everly-Musik aus jener Phase. Zwar zeichneten sich die letzten drei Studio-LPs bei Warner Bros. Records durch qualitativ hochwertiges Material aus, lagerten jedoch nach Erscheinen 1967/68 eher in den Regalen der Plattenhändler, als dass sie sich denn auf den Plattenspielern der Kundschaft drehten. Die Konkurrenten in der Pop-Musik jener Jahre hießen im schnellen Wechsel u. a. Association, Cowsills, Simon & Garfunkel, Grateful Dead, Monkees, Rolling Stones, Doors, Herb Alpert oder eben Beatles, und gönnten dem damals noch nicht so genannten Country-Rock der Everlys offensichtlich keine Nische mehr. Und für die Country Music bewegten sich die beiden wohl schon zu weit in der Zukunft, man höre nur in „I’m Movin‘ On“ rein. Es geht auf CD-1 um den im Februar 1967 erschienenen Longplayer „The Hit Sound“ (Warner Katalog-Nr. WS-1676). Mit „The Devil’s Child“ / „She Never Smiles Anymore“ (W-5901) gab es nur eine einzige Single daraus, und diese hinterließ keine Spuren in den Charts. Die zwölf Titel der Original-LP ergänzten die Produzenten hier um fünf Aufnahmen aus den gleichen Sessions, wie u. a. durch Jimmy Webbs „When Eddie Comes Home“, und dazu einer als Demo-Version bezeichneten Fassung von „Bowling Green“. Letztgenannter Titel wiederum bildet auch den Opener zur CD-2, worauf die Vinylscheibe „Everly Brothers Sing“ (WS-1708) vom Juli 1967 zu neuen Ehren kommt. Der schon genannte Song plazierte sich als Single „Bowling Green“ / „I Don’t Want to Love You“ (W-7020) auf Position 40 in den legendären Hot 100 des Fachmagazins Billboard, und erreichte in Kanada sogar den Spitzenplatz. Der Nachfolge-Single „Mary Jane“ / „Talking to the Flowers“ (W-7062) gelang es allerdings nicht, diesen Erfolg zu wiederholen. Auch hierbei stockte man die zwölf Titel der Original-LP auf, diesmal sogar um insgesamt neun weitere Aufnahmen aus unterschiedlichen Sessions. Mit dabei die 1967 nur auf Single erschienenen Songs „Love of the Common People“ / „A Voice Within“ (W-7088), wobei sich die „Common People“ in Australien und vor allem in Kanada (Platz 4) gut verkauften. Ebenfalls einzig auf Single gab es dann 1968 „It’s My Time“ / „Empty Boxes“ (W-7192), wobei „Time“ erneut in Kanada, und diesmal zusätzlich auch in Großbritannien Spuren in den Charts hinterließ. Eine weitere 1968 nur auf Single erschienene Kombination gab es in Gestalt von „Milk Train“ / „Lord of the Manor“ (W-7226), und beide Titel finden sich ebenfalls auf dieser CD. Mit der im Dezember 1968 veröffentlichten LP „Roots“ (WS-1752) neigte sich dann die langjährige Zusammenarbeit der beiden Everlys mit Warner Bros. Records langsam dem Ende zu. Die Scheibe findet sich in Gänze auf CD-3, also alle dreizehn Titel. Ergänzt wurde das Angebot um sieben weitere Sessionaufnahmen aus dem gleichen Jahr, darunter auch der dieser Box ihren Titel gebende Song „Down in the Bottom“. Als Single koppelte man einzig den Jimmie-Rodgers-Klassiker „T for Texas“ zusammen mit der Everlys-Eigenkomposition „I Wonder If I Care As Much“ (W-7262) aus; die Scheibe erzielte jedoch keine Resonanz in den Charts. Beim letzten Titel dieser insgesamt hervorragend eingespielten CD-Box handelt es sich übrigens um eine Version des Dolly-Parton-Erfolges „In the Good Old Days“. Bei der gesamten Box griff man in Sachen Musik auf bereits zuvor veröffentlichtes Material zurück, was der Qualität dieser Aufnahmen keinen Abbruch tut. Als wirklich neu kann daher nur das illustrierte Booklet betrachtet werden, welches neben den diskografischen Angaben zu allen hier verwendeten Songs auch einen ausführlichen Beitrag vom Dezember 2019 über die Entstehung der damaligen LPs enthält.     
Ulrich K. Baues