CD: Various Artists – Talking on the Telephone

Der Titel dieser CD klingt uneingeschränkt nostalgisch. Kein Wunder, es geht hier nämlich um analoge Telefonate, den Vorläufern von SMS, Chats, Skype, usw. Spätestens mit dem massenhaften Aufkommen von Handys während der neunziger Jahre wurden die sogenannten Fernsprecher im wahrsten Sinne des Wortes liegen gelassen. Aber von den vierziger und zu den frühen achtziger Jahren bildeten sie – sofern der jeweilige Haushalt darüber verfügte – über das Festnetz die Möglichkeit, mit jemandem zu telefonieren. Klingt heutzutage nicht sensationell, doch damals mussten beide Gesprächspartner gleichzeitig verfügbar sein. Es gab keine Möglichkeit, Anrufe nachzuverfolgen und dann zurückzurufen. Überdies musste eine Verbindung erst einmal zustande kommen. Dies gelang früher nicht immer, Netzüberlastungen gab es häufig, das Besetzzeichen gehörte quasi zur Tagesordnung, und bei den damals teils noch handvermittelten Gesprächen gab es manchmal lange Wartezeiten. Aber wenn sich dann der ersehnte Gesprächspartner endlich „am Apparat“ meldete, freute man sich umso mehr – natürlich je nach Grund des Anrufs. So lief es nicht nur in Deutschland ab, sondern weltweit. Diese CD versammelt Erlebnisberichte aus den USA über solche Momente, welche im Rock & Roll verarbeitet wurden. Einige davon dürfte jede/r kennen, ein paar andere Titel sind vielleicht nur wenigen Fans vertraut, und manches hört man hier erstmalig. Big Boppers „Chantilly Lace“ und Chuck Berrys „Memphis, Tennessee“ zählen dabei sicherlich zur Gruppe der sattsam bekannten Partykracher. Bei Bobby Darin wird es schon schwieriger, denn bei seinem „If a Man Answers“ handelt es sich um den Titelsong seines gleichnamigen Spielfilms (dt.: „… gefrühstückt wird zu Hause“, 1962), und gab als Single nur einen kleineren Hit ab. Auch der Kanadier Paul Anka brachte seine Anweisung „Kissin‘ on the Phone“ lediglich im mittleren Segment der US-Hitparaden unter. Dagegen konnte Tommy Sands mit der Aufforderung „Ring My Phone“ einen Top Twenty-Erfolg landen, nachdem er dies 1957 in einer NBC-Fernsehshow vorstellte. Kaum bekannt dürften „Hello Hello Baby“ von Jerry Lee Lewis, sowie „Just Thought I’d Call“ von Carl Perkins sein, da es hiervon keine Single-Veröffentlichungen gab. Dies gilt auch für beide Titel von Brenda Lee, „Bigelow 6-200“ und „Ring-A-My Phone“. Und absolutes Neuland wird für alle die bereits produzierte Antwort-Single zu Big Boppers „Chantilly Lace“ darstellen; Donna Dameron nahm „Bopper 486609“ auf, doch der tragische Tod des Künstlers im Februar 1959 verhinderte die Veröffentlichung. Unter den weiteren der insgesamt 28 Aufnahmen hört man Mickey & Sylvia, Johnny Burnette, Bill Fury, und noch andere weniger bekannte Interpreten der Rock’n’Roll-Ära. Ein Glanzstück stellt hier auch das reichlich illustrierte, 32seitige Booklet dar, worin sämtliche für diese CD ausgewählten Songs und Künstler eingehend vorgestellt werden.
Ulrich K. Baues