CD: The Beatles – Let It Be (Deluxe Edition)

Im April des Jahres 1970 überraschte Paul McCartney bei der Vorstellung seines ersten Solo-Albums „McCartney“ mit dem lapidaren Hinweis auf die Trennung der Beatles sowohl die Fachpresse, als auch anschließend die Fans. Man hätte erwartet, dass nun quasi alle Welt mit Spannung der Veröffentlichung eines Abschiedsalbums entgegenfieberte. Offensichtlich geschah dies im Mai 1970 noch nicht. Die US-Musikmagazine beispielsweise betrachteten das frisch veröffentlichte Album „Let It Be“ anfangs als eine Soundtrack-LP zum fast gleichzeitig in den New Yorker Kinos angelaufenen Dokumentarstreifen selbigen Titels. Viele Redakteure stellten die Scheibe ausdrücklich als „latest“ (also: neuestes) Album der Beatles dar, keinesfalls als deren „final“ (also: letztes) Album. Zur selben Zeit, i. e. Mai 1970, befand sich ja die einzig in den USA erhältliche Beatles-LP „Hey Jude“ (Apple SO 385) noch unter den zehn dort meistverkauften Scheiben der Woche, und sogar die weltweit bekannte „Abbey Road“ (Apple SO 383) grüßte weiterhin freundlich von einer Position unter den Top 40. Der eher schwache Charteinstieg des „Let It Be“-Albums (Apple AR 34001) riss daher anfangs niemanden vom Hocker. Die LP startete zuerst in der Fachzeitschrift Cashbox auf Platz 44, und erst eine Woche später im Konkurrenzmagazin Billboard auf Position 104. Dies änderte sich zu Junibeginn schlagartig, als die Verkaufszahlen jäh anschwollen. „Let It Be“ verdrängte dann innerhalb einer einzigen Woche die Solo-LP von Paul McCartney gnadenlos vom Spitzenplatz bei den Top-LPs. Billboard titelte sofort zutreffend „Beatlemania Returns As 'Let It Be' Clicks“. Diese Situation wiederholte sich in Australien, Kanada, Großbritannien, sowie vielen anderen Ländern, und bis zum heutigen Tage regnete es förmlich Platin- und Goldauszeichnungen für diese Scheibe.
Zum plötzlichen Erfolg trug im kleinen Maße sicherlich der bereits genannte Dokumentarfilm bei. Hier fanden u. a. die im Januar 1969 in den Londoner Twickenham Studios gefilmten Aufnahmen Verwendung. Planungen für Live-Konzerte verwarfen die Musiker, ebenso ein Konzert im Rahmen einer TV-Show. Als Kompromiss wählte man einen vierzig Minuten dauernden Auftritt auf dem Dach des Apple-Gebäudes, zwar live doch ohne Kontakt zu Publikum. Es sollte die letzte gemeinsame Vorstellung der vier Musiker werden.Aber hauptsächlich drängte sich bei Erscheinen der Beatles-LP gerade deren dritte Singleauskopplung „The Long and Winding Road” (Apple 2832) an die Spitzen der maßgeblichen internationalen Hitparaden. Dies gab den LP-Verkäufen Auftrieb. Die beiden vorherigen Singles blickten bereits auf Führungspositionen in den jeweiligen Charts zurück, nämlich kurz zuvor noch „Let It Be“ (Apple 2764), bzw. schon im Vorjahr „Get Back“ (Apple 2490). Die inzwischen erhältlichen Solo-Produktionen einiger Ex-Beatles trugen wohl ebenfalls zu den sprunghaft ansteigenden Verkaufszahlen von „Let It Be“ bei, weil in Verbindung mit Pauls Hinweis nun die endgültige Trennung der Liverpooler Musiker sich überall herumsprach.
Dies alles liegt inzwischen nun etwas mehr als fünfzig Jahre zurück. Zur leicht verspäteten Feier dieses Jahrestages erschien nun bei Apple Records ein ganzer Schwung an neuen Veröffentlichungen zu „Let It Be“. So viele Exclusive, Special, Deluxe und Limited Editions gab es selten. Allen gemein ist der neue Mix sämtlicher zwölf Titel der damaligen Originalausgabe. Seitens Produzent Martin und Toningenieur Okell mischte man nämlich die alten Bänder neu in Stereo ab, und liefert nun einen deutlich satteren Klang. Zu finden sind sie natürlich auf der Standard-LP in schwarzem Vinyl (Apple 0713865), der Vinyl Picture Disc (Apple 3592241), sowie der Standard-CD (Apple 0713858). Daneben wird speziell diese Vinyl-Standardausgabe bei der Warenhauskette Target zusätzlich auch mit einem passenden T-Shirt (Apple 0718666) verkauft, bzw. bei der Konkurrenz von Walmart mit vier s/w-Kunstdrucken (Apple 3597212) angeboten. Die Buchhandelskette Barnes & Noble legt der Scheibe (Apple 3831036) einen entsprechend bedruckten Stoffbeutel bei. Ein gleichfalls allen genannten Ausgaben beiliegendes Booklet umfasst vierzig Seiten, enthält eine ausführliche Beschreibung der damaligen Ereignisse, und zeigt jede Menge farbige Fotos bzw. Abbildungen.
Aber das Ganze gibt es wie angedeutet merklich üppiger. Das hier vorliegende Doppelalbum enthält beispielsweise auf CD-1 den bereits erwähnten Stereo-Mix der ursprünglichen LP, und wartet auf CD-2 mit insgesamt vierzehn bislang unbekannten Outtakes auf, darunter ein bislang unveröffentlichter Mitschnitt von „Across the Universe“. Das beschriebene Booklet liegt ebenfalls bei. Aber damit nicht genug. Die Kronjuwelen dieser Veröffentlichungen heißen „Super Deluxe“. Einmal gibt es die digitale Variante, also 5 CDs sowie eine Audio-Bluray (Apple 0713869), mit insgesamt 66 Titeln. Beim Großteil davon handelt es sich natürlich um Outtakes, und hier im Besonderen um die damaligen (1969) Mitschnitte zur ursprünglich geplanten „Get Back“-LP. Man kennt sicherlich viele der Aufnahmen – möglicherweise von Bootlegs – doch die geballte Präsenz wirkt höchst eindrucksvoll. Die jetzige Klangqualität überragt diejenige der Bootlegs merklich. Mit etwas weniger Titeln gibt sich das analoge Pendant mittels vier LPs und einer als EP deklarierten Scheibe (Apple 0713889) zufrieden. Mit 57 Titeln bietet es trotzdem jede Menge Hörerlebnisse. Beiden „Super Deluxe“-Ausgaben liegt ein mehr als 100seitiges, gebundenes Buch bei, mit sämtlichen zum Thema passenden Informationen und Abbildungen. Aber es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich Kaufwillige hier beim Preis bereits im dreistelligen Euro- bzw. Dollarbereich bewegen.
Auch auf die Country Szene übte die „Let It Be”-LP etwas Einfluss aus. Das 1995 von verschiedenen Country-Interpreten aufgenommene Tribute-Album „Come Together: America Salutes the Beatles“ (Liberty 31712-2) enthielt vier Songs davon, und Steve Wariner landete mit seiner Auskopplung „Get Back“ (Liberty 58411-7) einen Mini-Treffer in den Country Charts. Hierzulande steht der stampfende Rock’n‘Roller „Get Back“ weiterhin bei zahlreichen Country-Bands auf der Setlist.
Ulrich K. Baues