CD: Paul McCartney – McCartney III

Es gab anfangs eine kleine Verwirrung um Paul McCartneys aktuelles Album. Ursprünglich sollte es am 11. Dezember 2020 erscheinen, doch in wirklich allerletzter Minute kündigte Universal Music eine Verzögerung um genau eine Woche an. Zur Begründung schob man das angeblich unerwartete Erscheinen des neuen „Evermore“-Albums seitens Pauls Kollegin Taylor Swift vor. Angesichts der Mengen an verschiedenen Tonträgern, die in beiden Fällen doch zumindest mittelfristig geplant und produziert werden mussten, klang dies eher nach einer lahmen Ausrede – in Wahrheit rangiert Taylors Marktwert derzeit deutlich höher, und somit erhielt sie während der in den USA umsatzstärksten Vorweihnachtswoche den Vorzug bei der Alben-Veröffentlichung. Aus Pauls Fankreisen vernahm man wegen der zeitlichen Zurücksetzung bei der Auslieferung des Albums „McCartney III“ interessanterweise kaum Protest. Und noch in der Erscheinungswoche erreichte es den Spitzenplatz der Verkaufshitparaden in Deutschland, in den Niederlanden, im Vereinigten Königreich, sowie auch in den USA, dazu hohe Plazierungen in vielen anderen Ländern. Wie schon beim Vorgängeralbum „Egypt Station“ wartet Ex-Beatle Paul auch diesmal mit einer ganzen Reihe an Tonträgern auf. Die standardmäßige CD-Ausgabe mit dem weißen Würfel auf dem Titelbild wird von weiteren Covern mit farblich unterschiedlichen Würfeln unterstützt, teils sogar mit je einem Bonustrack. Außerdem gibt es hierzu farblich passende Box Sets, worin man neben der als Secret-Demo-CD beschriebenen Scheibe jeweils farblich abgestimmt entweder drei Spielwürfel oder einen Mundschutz oder eine Baseball-Kappe findet.
Auch die Vinyl-Gemeinde kommt hier im wahrsten Sinne des Wortes auf ihre Kosten, denn Paul bietet derzeit mehr als ein halbes Dutzend Pressungen an; zwar enthalten sowohl Scheiben als auch Würfel auf den Covers unterschiedliche Farben, sind jedoch ansonsten inhaltlich gleich. Das komplette Album entstand während der ersten Lockdown-Phase in Europa. Ursprünglich sollten im Frühjahr 2020 ja noch weitere Konzerte im Rahmen von Pauls „Freshen Up“-Tournee stattfinden, doch dazu kam es dann Corona-bedingt nicht mehr. Paul stand nun unerwartet reichlich freie Zeit zur Verfügung, und er nutzte sie weidlich. Die Informationen im Booklet führen ihn für alle elf Songs als Texter und Komponisten an, zusätzlich als Produzenten und Sänger, sowie als Person hinter sämtlichen Instrumenten. Damit erklärt sich die Kontinuität beim Album-Titel „McCartney III“, denn schon 1970 bei „McCartney“ und 1980 bei „McCartney II“ spielte Paul das Gros der jeweiligen Titel alleine ein. Der diesmalige Opener läuft fast ausschließlich instrumental, ist mit mehr als fünf Minuten merklich lang, und nennt sich „Long Tailed Winter Bird“. Das erzeugt zumindest Appetit aufs Weiterhören und Paul behauptet unter leicht rockigen Rhythmen, er könne „Find My Way“; der Titel stellt auch die bislang einzige Single-Auskopplung dar. Erstaunlicherweise blieb deren Erfolg in den Charts bislang eher mäßig. Hierbei wäre möglicherweise „Lavatory Lil“ die bessere Wahl gewesen, denn Paul geht diesen Titel rockig und treibend an. Als Anspieltipp sollte man unbedingt auch das flüchtig an Rocknummern von Deep Purple erinnernde „Slidin‘“ wählen, wogegen die Aufforderung „Seize the Day“ sich in etwas gemächlicheren musikalischen Gefilden bewegt. In „Deep Down“ erklärt dann Paul fast sechs Minuten lang etwas umständlich und mit vielen Wiederholungen, was er genau beabsichtigt, nämlich heute Nacht mit jemandem zusammen zu sein. Bei den Stories über die „Pretty Boys“ und die „Women and Wives“ folgt er seinen eigenen dominierenden Gitarrenläufen, und wandelt zwischen Rock und Ballade. Letztere Bezeichnung, textlich gleichfalls bestens unterstützt, können noch zwei weitere das „Deep Deep Feeling“ und der „Kiss of Venus“ beanspruchen. Die Dreiviertelstunde von „McCartney III“ klingt mit dem jahreszeitlich gut passenden und leicht ohrwurmträchtigen Folksong „Winter Bird / When Winter Comes“ aus, worin sich Paul ausschließlich auf seiner Gitarre begleitet. Das Booklet enthält sämtliche Texte, sowie vier ganzseitige Fotos von Paul, geschossen von seiner Tochter Mary und seinem Neffen Sonny.
Ulrich K. Baues