Interview - Ray Scott

WM: „My Kind Of Music“, der Titel Deiner ersten CD, ist nicht weniger als ein humorvoller Ausdruck für Dein Glaubensbekenntnis, Deinen Glauben an die reale Musik. Du erinnerst an legendäre Stilisten und die Rebellen der Country Music. Wer oder was hat den modernen Stilisten und Rebellen Ray Scott geschaffen?
Ray Scott: Im Wesentlichen meine Liebe für die wirklich wahren Geschichten und ihre Erzähler. Ersponnene und aufgeplusterte Dinge zu vertonen, um dem Massengeschmack zu dienen, war niemals „My Kind Of Music“ („Meine Art von Musik“ die Red.). Aber ich möchte nicht bestreiten, dass es trotz allem einen Markt dafür gibt.
WM: Deine Stimme, Dein Auftreten, Deine Haltung, ja sogar die Art, wie Du sprichst erinnern an „einen neuen Waylon Jennings“. Doch Deine Songtexte – mal abgesehen von der Kritik und der Rebellion – legen einen tollen Grad von Humor und eine soziologische Kompetenz an den Tag. Wer ist dein Vorbild als Songschreiber?
Ray: Ich liebe Willie, Waylon, Johnny, Merle usw., aber ich bin ebenso von dem Witz und Verstand solcher Künstler wie Jerry Reed, Roger Miller, Shel Silverstein und John Prine beeinflusst. Dazu verehre ich Townes van Zandt und Steve Earle.
WM: In der aktuellen Musik, egal welcher Stil, gibt es einen Kampf zwischen zwei Extremen. Zum einen der kommerzielle Erfolg aufgrund von bedingungslosem Gehorsam gegenüber der Plattenindustrie und auf der anderen Seite die kreative Freiheit ohne die Absicherung durch die Musikindustrie. Du hast Dich, nachdem Du schon einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma hattest, letztendlich für die Freiheit entschieden. Wie geht es dem unabhängigen Künstler Ray Scott heute damit?
Ray: Ich komme sehr gut zurecht mit der künstlerischen Freiheit und meiner Wahl. Es ist nicht das Leben eines Königs, aber es ist ein gutes Leben. Ein verdammt gutes Leben!
WM: Mit ist aufgefallen, dass man in Nashville zumeist rigoros unterscheidet, entweder Du bist ein Sänger, also der Star, oder ein Songschreiber, also eher der Mensch hinter den Kulissen. Leute wie Paul Overstreet, Deborah Allen, Shawn Camp oder auch Du könnten leicht ebenso die Stars sein, gehören aber zu den Leuten hinter den Kulissen. Wer oder was zieht dabei eigentlich die Grenzen?
Ray: Das ist eine gute Frage. Oftmals ist es lediglich eine pure Glücksfrage. Die entscheidenden Leute in den Plattenfirmen suchen natürlich in erster Linie nach jungen, hungrigen Künstlern, die sie formen können, über die sie mehr Kontrolle haben. Im Gegensatz dazu gibt es gestandene Künstler, die wissen, wer sie sind und was sie aufnehmen wollen. Manchmal stehen dann die Egos einiger Leute im Weg, wenn es doch im Grunde um tolle Musik gehen sollte.
WM: Wird Dein derzeitiger Erfolg als Songschreiber – neuer Vertrag mit dem Musikverlag von Universal und u.a. ein Coversong auf der aktuellen Trace Adkins CD – Deine Stellung zwischen Songschreiber und Sänger verschieben?
Ray: Nein, sicher nicht. Ich bin und bleibe Ray Scott, der Sänger und Songschreiber und ich werde selbst Platten aufnehmen, so lange ich kann und die Leute meine Musik hören möchten, was ich mache. Doch natürlich schmeichelt es mir, wenn andere Künstler meine Songs genug mögen, um sie selbst aufzunehmen. Und letztendlich hilft es dabei, das Essen auf den Tisch zu kriegen.
WM: Erzähl uns ein wenig über die Zusammenarbeit mit Trace Adkins, Randy Travis und anderen, die Songs von Dir aufgenommen haben. Mit wem hast Du Dich am besten verstanden und wessen Interesse hat Dich am meisten gefreut?
Ray: Da gab es so etwas wie eine Zusammenarbeit gar nicht. Die Jungs haben einfach ein paar meiner Songs aufgenommen und dafür bin ich dankbar.
WM: Als Songschreiber in einer Agentur wie jetzt, kannst Du da auf Bestellung einen Song schreiben ohne eigene Inspiration oder Erfahrung.
Ray: Nein, ich gehöre nicht zu den Leuten, die einfach eine Geschichte erfinden können, weil es gerade notwendig ist, einen Song abzuliefern. Ich muss in gewisser Weise persönlich inspiriert werden...
WM: Der Titel Deines aktuellen Albums „Rayality“ ist eine Umschreibung Deines Namens und erklärt die Zusammenstellung der Songs, die unsere Realität wiedergeben. Erzähl uns ein wenig von den Inspirationen, die hinter diesen Songs stecken.
Ray: Die Scheibe „Rayality“, das bin einfach ich, ich bin ganz ich selbst auf dem Album, zeichne Geschichten aus meinem persönlichen Umfeld, Sachen, die mich bewegt haben und Dinge, die ich in den Leben um mich herum beobachtet habe. Dabei nehme ich das Leben oder auch mich selbst nicht immer so tierisch ernst.
WM: Viele Countrykünstler nennen auf die Frage nach ihrer musikalischen Herkunft und Inspirationen die Familie und ihre Kindheit in den Südstaaten der USA. Inwieweit, wenn überhaupt, haben diese Dinge den „kleinen“ Ray geformt?
Ray: Genauso wie alle anderen. Wir alle sind das Produkt unserer Familien und Herkunft. Ich wuchs in einer ländlichen Gegend in North Carolina auf mit einer ständigen Diät von toller Country Music, doch gleichzeitig wurde ich durch meinen Großvater mit großem Jazz und Big Band Music vertraut gemacht. Das half mir einen eigenen, unterschiedlichen Geschmack zu entwickeln.
WM: Wie kamst Du dann nach Nashville?
Ray: Ich wusste sehr schnell, dass ich Country Music machen wollte und da bleiben dann nicht viele Möglichkeiten. Also zog ich nach Nashville, wurde sesshaft und fand durch eine Menge falscher Wege, harter Arbeit, Tränen, Schweiß und vieler Jahre heraus, wer ich wirklich bin und heute sein will.
WM: Im Internet gibt es ein mehr oder weniger inoffizielles Video zu Deinem Song „Hell Got Raised Again“, bei dem hunderte von wilden Partyfotos aneinandergereiht wurden. Ist das auch ein Teil Deiner „Rayality“? Wo fühlst Du Dich wohler? Bei einem Stadionkonzert vor tausenden von Fans oder in den Clubs, wo die Fans ganz nahe bei Dir sind?
Ray: Ich liebe es, meine Songs zu singen und dabei die unterschiedlichsten Menschen zu erreichen. Aber ganz besonders mag ich die kleinen Clubs, in denen ich meine Songs nur mit Gitarrenbegleitung singe und sofort sehen kann, wie sie bei den Leuten ankommen.
WM: Was war bislang die größte Herausforderung für Dich im Musikbusiness?
Ray: Größte Herausforderung? Warner Brothers dabei zu beobachten, wie sie versucht haben, meine Musik in den „normalen“ Radiostationen unterzubringen. Sie haben es wirklich versucht – dafür gebührt ihnen Anerkennung. Auf der anderen Seite ist es immer wieder herausfordernd, mit meinen Songs etwas auszudrücken oder zu sagen, was wichtig ist und die Leute gleichzeitig unterhält.
WM: Auf welche Deiner Erfolge bist Du besonders stolz?
Ray: Nun, ich habe mittlerweile über 40 Mal in der Grand Ole Opry gesungen. Das ist für einen Kerl wie mich mit fast keinem Radio- bzw. Charterfolg schon eine tolle Sache. Dann wurde ich gefragt, ob ich bei der Aufnahme der „Tennessee 3“ vor 4 Jahren in die Musiker Hall of Fame, mit dem leider schon verstorbenen Marshall Grant und John Carter Cash, einige Johnny Cash Songs singen möchte. Das war eine ganz besondere Ehre für mich, in diesen Schuhen zu stecken...
WM: Wie war das letzte Jahr für Dich? Gab es bemerkenswerte Momente?
Ray: Ja, Trace Adkins nahm meinen Song „Poor Folks“ auf und einen weiteren, den ich letztes Jahr geschrieben habe mit dem Titel „If The Sun Comes Up“. Der letztere kommt auf sein nächstes Album. Dann reiste ich nach Asien, um meine Songs zu präsentieren. Ich liebe die Möglichkeit, meine Musik in anderen Ländern zu singen.
WM: Über Deine Asienreise gab es viel zu lesen bei Facebook. Es gab ja wohl eine Menge Abenteuer zu erleben. Was hat Dich persönlich kulturell bereichert bzw. am meisten geschockt in Japan und China?
Ray: Ich habe Asien richtig genossen. Dennoch war ich überrascht über die offensichtliche Unterdrückung der Leute in China. Als Amerikaner ist Kommunismus etwas, das ich niemals aus erster Hand erlebt habe. Das war schon sehr abenteuerlich. Wir haben demgegenüber viele Freiheiten, die wir nicht so für selbstverständlich erachten sollten.
WM: Da wir gerade vom Reisen sprechen. Diesen Sommer spielst Du zum ersten Mal in Polen und Litauen. Aber Du warst bereits in Europa. Welche Erinnerungen und Erfahrungen hast Du von diesen Trips?
Ray: (lacht) Ich stieg in der Schweiz einmal in den falschen Zug ein und endete in einem fremden Land ohne Pass, Führerschein und Geld für einige Stunden. Das war schon etwas erschreckend.
WM: Gibt es für Dich als Künstler, der viele Länder kennt, Unterschiede zwischen den USA und Europa beim Publikum? Fan Reaktionen? Atmosphäre? Musikgeschmack? Was ist besser oder schlechter? Und planst Du regelmäßige Touren nach Europa?
Ray: Erst einmal mag ich neue kulturelle Erfahrungen. Die Menschen, das alltägliche Leben, das Essen... Da gibt es immer wieder Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten mit uns in den USA. Wir sind bei uns zuhause ja generell vom Rest der Welt beeinflusst. Es gibt überall gute Menschen, egal wohin Du kommst. Und es gibt auf der ganzen Welt `ne Menge Fans von echter Country Music, und ich möchte so oft ich kann reisen und wiederkommen. Ich liebe es!
WM: Ich verrate den Leser/innen jetzt ein kleines Geheimnis. Bei Deiner Show in Polen (Wolsztyn) wirst Du auch zwei brandneue Songs präsentieren, die es noch gar nicht auf CD gibt. Gibt es denn schon Pläne für ein neues Album?
Ray: Ich stelle natürlich schon Songs für das kommende Album zusammen, schreibe immer, wenn es die Zeit zulässt. Es gibt noch keinen genauen Zeitplan für das nächste Album, aber ich freue mich schon jetzt auf das Ergebnis.
WM: Du hast viele Songs, dich mich tief beeindruckt haben wegen ihrer songschreiberischen Kraft und Aussage. So z. B. „My Kind Of Music“, „I Love You Both“ oder „I Didn`t Come Here To Talk“. Ich bin da sicherlich kein Einzelfall. Gibt es schöne Beispiele dafür, wie Deine Songs Fans beeinflusst haben?
Ray: Ja, das kommt schon manchmal vor. Ich habe mal eine Show in Las Vegas gespielt und da kommt dieses Pärchen auf mich zu und erzählt mir, dass die Frau schwanger wurde beim Hören meines Songs „I Didn`t Come Here To Talk“. Von meinem ersten Album. Sie haben dann sogar ihr Baby nach mir genannt. Das war lustig und auch eine Ehre für mich. Das gebe ich gerne zu. Coole Geschichte.
WM: Lass uns kurz über Dich persönlich reden. Abseits der Country Music. Was mag Ray Scott? Wie entspannst Du?
Ray: Ich bin ein großer Motorrad Freak. Also, wann immer das Wetter mitspielt, geht es los. Ich liebe es, den Kopf in den Wind zu halten und dabei meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich mag tolle Filme und schwarzen Humor.
WM: Unser nächstes Treffen wird dann in Wolsztyn, Polen, auf der anderen Seite des Ozeans sein. Was möchtest Du den Fans in Polen sagen und allen anderen, die zum „Pure Country Festival“ Mitte August kommen?
Ray: Ich freue mich gewaltig auf meine Konzerte in Litauen und Polen und zwei neue Länder und viele neue Fans kennen zu lernen. Es ist schon lange mein Traum, wieder nach Europa zu kommen und nun ist es nur noch wenige Wochen bis dahin. Wir treffen uns dann hoffentlich alle!
WM: Danke für das Interview Ray.
Ray: Danke an Euch. Es war mir ein Vergnügen und ich freue mich auf die europäischen Fans.
 
Das Interview führte Magdalena Luszczynska,
Dt. Bearbeitung: Kai Ulatowski
aktuelle CD:
Ray Scott: Rayality
Jethropolitan Records (2010)