The Big „O“ - Triumphe und Tragödien

Als aufmerksamer Beobachter des Musikgeschehens registriert man seit einiger Zeit ein merklich gesteigertes Interesse an der Person und vor allem an der Musik von Roy Orbison. Der 1988 verstorbene texanische Musiker wird derzeit von den Nachfolgeunternehmen seiner früheren Schallplattenfirmen mit Retrospektiven regelrecht verwöhnt. Dies zeichnete sich eigentlich bereits 2011 mit der Veröffentlichung der CD-/DVD-Box „The Monument Singles Collection“ ab, dann folgte die Neuausgabe des „Mystery Girl“, und den bislang krönenden Abschluß bildeten die neu erschienenen Titel der CD „One of the Lonely Ones“, sowie der geniale Schachzug von Universal mit der VÖ der 13-CD-Box „The MGM Years“.
Roy Orbisons Geschichte begann in Texas, wo er 1936 zur Welt kam. Entgegen anderslautender Gerüchte startete er seinen musikalischen Weg eben nicht direkt bei der legendären Plattenfirma Sun Records in Memphis, sondern moderierte als Jugendlicher in seiner Heimatstadt eine wöchentliche Radiosendung. So richtig los ging es dann mit der Musik 1954 auf dem College, als er mit Country-Titeln und Rockabilly-Songs ein bisschen Aufmerksamkeit erzeugte. Er verfügte nun auch über eine Begleitband, ein Trio mit dem Namen Teen Kings. Mit ihnen gab es auch die ersten Schallplattenaufnahmen, in Norman Pettys Studio in Clovis, Neu Mexiko. Die Firma Je-Wel veröffentlichte im März 1956 die Single „Trying to Get You“ b/w „Ooby Dooby“, als The Teen Kings. Da Roy zu diesem Zeitpunkt noch als minderjährig galt, wurden unmittelbar darauf sämtliche Vereinbarungen mit Je-Wel wieder rückgängig gemacht.
Und nun kam erst Sam Philipps ins Spiel, der Chef von Sun Records. Er hörte den vielversprechenden Künstler, und bestellte ihn samt Begleitung ins Studio, um „Ooby Doobie“ neu einzuspielen. Der Rest ist ein bisschen Sun-Geschichte, denn der Titel fand sich plötzlich auf Platz 48 der „Nation’s Best Selling Records“ des Fachmagazins Cash Box wieder, und kletterte bis auf Position 59 der damals noch „Top 100“ genannten Hitparade von Billboard. Allerdings, bei den weiteren drei Singles mit dem Etikett von Sun Records stellten sich keine Plazierungen ein, und auch der Wechsel zum Plattengiganten RCA – wie zuvor von Elvis Presley höchst erfolgreich vollzogen – half nicht weiter. Zwei Singles erschienen bei der großen RCA, beide jedoch ohne Resonanz bei den Fans, trotz guter Rezensionen seitens der Fachpresse. Billboard beispielsweise erkor die Single „Seems to Me“ (RCA 47-7381) in seiner wöchentlichen Besprechung als „Pick“, und bescheinigte Roy hierbei ein „großartiges Gesangspensum“. Vergeblich.
Roy verlegte sich nun mehr auf das Schreiben, und bot seine Songs teils erfolgreich anderen Künstlern an, wie „Claudette“ den Everly Brothers  Doch dann erschien mit Fred Foster ein weiterer Förderer auf der Bildfläche. Foster hatte 1958 in Hendersonville, Tennessee die Plattenfirma Monument Records ins Leben gerufen. Sein nun mit Roy abgeschlossener Vertrag entwickelte sich für beide Seiten zu einem Glücksfall. Roy landete dort ab 1959 mit kurzer Vorlaufzeit quasi Hit auf Hit. Bei der ersten Single „Paper Boy“ geschah praktisch nichts, die zweite Single „Up Town“ schaffte zu Beginn des Jahres 1960 Platz 70 (Cash Box), bzw. Platz 72 (Billboard), und die dritte Single hieß „Only the Lonely“, kletterte in den beiden genannten Magazinen auf Position 2, und besetzte in Großbritannien sogar den ersten Platz. Der Durchbruch war da, und es folgten in kurzen Abständen die auch heute noch bekannten Songs wie „Running Scared“, „Crying“, „Dream Baby“, und natürlich 1964 sein Welthit „Oh, Pretty Woman“.
Roys Dasein als Superstar ging nun richtig los. Auftritte vor ausverkauften Häusern gehörten nun zum Alltag. Die Tourneen außerhalb der USA starteten 1962, als er erstmals Großbritannien besuchte, mit Riesenerfolg. Im Jahr darauf wiederholte er diesen Besuch, nur begleiteten ihn jetzt u. a. die Beatles. Die zu jenem Zeitpunkt gerade ausbrechende Beatlemania veranlasste die Veranstalter zwar, die vier Jungs aus Liverpool umgehend zur Hauptattraktion der Tournee zu erklären, und Roy ins Vorprogramm zu verbannen. Seinen Schallplattenerfolgen tat dies jedoch fürs erste keinen Abbruch. Auf dem London Label erschien sogar eine Single in deutscher Sprache („San Fernando“ b/w „Mama“, DL 20726). Es kam soweit, dass Roy 1964 aufgrund eines vergleichsweise hohen Angebotes einen Wechsel von Monument Records zum MGM-Konzern vollzog. Dort garantierte man ihm für die kommenden acht Jahre Schallplattenaufnahmen und sogar mehrere Filme. Allerdings, von nun an ging es merklich langsamer weiter. Hohe Chartplazierungen blieben zuerst in den USA, und später auch in Kanada plötzlich Mangelware. Nur in Europa und in Australien vermochte er es mit seinen Singles weiterhin, die oberen Regionen der jeweiligen Hitparaden zu erreichen. Zwischendurch entstand zwar der einzige der mit MGM vereinbarten Kinofilme. Doch leider blieb „The Fastest Guitar Alive“, ein Western, gedreht 1967, wegen mangelnden Zuspruchs an den Kinokassen eher erfolglos. Bei all diesem beruflichen hin und her trafen ihn in jener Zeit auch persönliche Tragödien zusätzlich mit voller Wucht. 1966 verunglückte seine Gattin Claudette bei einem Motorradunfall tödlich, und zwei Jahre darauf starben zwei seiner kleinen Söhne beim Brand seines Wohnhauses.
Die Jahre danach waren geprägt von den Versuchen, gesellschaftlich und künstlerisch wieder den Anschluss an die alten Zeiten zu schaffen. 1969 heiratete er erneut, und seine aus Bielefeld stammende Frau Barbara übernahm später auch sein Management. Und zumindest als Songwriter gelang es ihm, wieder ins Gespräch zu kommen, spätestens als Linda Ronstadt 1977 sein „Blue Bayou“ erneut zu einem Hit in den USA machte, und sowohl in den Pop- als auch den Country-Charts ganz weit oben landete. In den deutschsprachigen Ländern gab es hiervon eine nicht minder erfolgreiche Version von Paola. Etwas später wählte Don McLean  Roys „Crying“ für eine seiner Singles aus, und fand sich damit 1981 weltweit auf vorderen Chart-Plazierungen wieder. Und fast zur gleichen Zeit wurde Roys Name  auch als Interpret wieder genannt, als er mit Emmylou Harris und „That Lovin‘ You Feeling Again“ in die Top Ten der Country-Charts stürmte, was beiden den Grammy für das beste Country-Duo verschaffte. Der nächste Schritt nannte sich „Class of ‘55“, womit eine Zusammenarbeit mit Jerry Lee Lewis, Carl Perkins und Johnny Cash bezeichnet wurde, also alles Musiker, die früher bei Sun Records in Memphis unter  Vertrag standen. Es folgten kurz darauf die „Black & White Night“, sowie die verdienten Aufnahmen sowohl in die „Rock & Roll Hall of Fame“, als auch in die „Nashville Songwriters Hall of Fame“. Mit „Crying“ als Beitrag zum Soundtrack des Films „Inkognito“ konnte Roy 1987 im Duett mit k. d. lang ebenfalls erneut einen kleineren Hit verbuchen.
Das Jahr 1988 begann daher gleichfalls vielversprechend, als unter dem Namen Traveling Wilburys das nächste Projekt angestoßen wurde. Die Wilburys setzten sich neben Roy u. a. aus George Harrison und Tom Petty zusammen, und ihre damalige LP „Volume 1“ erreichte umgehend Goldstatus; später gab es hierfür sogar die Auszeichnung Multi-Platin. Auch für ihn als Solokünstler trafen wieder gute Nachrichten ein. Roy stand seit 1986 bei Virgin Records unter Vertrag, und die Aufnahmen zur anstehenden LP „Mystery Girl“ konnten erfolgreich unter Dach und Fach gebracht werden. Die Promo-Ausgabe zur ersten Auskopplung „You Got It“ sollte noch im Dezember 1988 an die Radiostationen der USA gehen. Doch plötzlich und zu diesem Zeitpunkt eher unerwartet starb Roy am Abend des 6. Dezember 1988 in seinem Haus in Hendersonville, Tennessee an einem Herzinfarkt.
Das Schicksal vergönnte es ihm nicht, die sich bereits für das folgende Jahr 1989 abzeichnenden Triumphe zu erleben, weder den weiteren Erfolg der „Wilburys“-Veröffentlichungen, noch das auflagenstarke Erscheinen der „Mystery Girl“-Platte samt Singles wie „You Got It“ und „California Blue“. Und den erneuten weltweiten Erfolg des Titels „Pretty Woman“ zu feiern, der 1990 durch die Verwendung im gleichnamigen Spielfilm mit Richard Gere und Julia Roberts quasi unsterblich wurde, blieb ihm ebenfalls verwehrt. Am Samstag, den 23. April 2016, wäre Roy Orbison, der Mann mit der markanten Sonnenbrille, genannt The Big „O“, 80 Jahre alt geworden.

 

Diskografie (Auswahl)

Sony 88697-84158-2 The Monument Singles Collection CD/DVD

Sony 88697-60703-2 Mystery Girl CD/DVD

Sony 88875-07717-2 The Real … Roy Orbison CD-Box

Universal 602547118103 One of the Lonely Ones CD

Universal 602547233202 The MGM Years 1965-1973 CD-Box

 

Biografie (Empfehlung)

Backbeat Books ISBN 1-4768-8679-4 Rhapsody in Black von John Kruth

Ulrich K. Baues