Interview Kathy Mattea

Am 11. September veröffentlichte Kathy Mattea auf Sugar Hill Records ihr neues Album „Calling Me Home“. Nach dem Erfolg ihres letzten Albums „Coal“, das sich ausschließlich mit der Geschichte und den Geschichten um Kohlebergbau und die Bergleute aus den Appalachian Mountains beschäftigte, folgt mit „Calling Me Home“ jetzt noch mehr Historie aus der Heimatregion der erfolgreichen Künstlerin.
Für Kathy Mattea war die Abkehr vom Nashville Country Mainstream ein Wagnis, das sich nach den überschwänglichen Kritiken und Lobeshymnen zur letzten Platte „Coal“ allerdings mehr als gelohnt hat.
Unser Mitarbeiter Marcus Thell hatte die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Kathy Mattea.




 
Marcus Thell (MT): Kathy, erzähl uns ein wenig über Deine ersten Kontakte zur Musik.
Kathy Mattea (KM): Musik war allgegenwärtig bei uns zu Hause. Mein Vater sang die ganze Zeit. Einfach so jederzeit in Gedanken. Er liebte Musik. Und meine Mutter hatte den ganzen Tag das Radio an, meistens den lokalen Popsender. Sie konnte nicht singen, keinen Ton konnte sie halten, aber auch sie liebte Musik und ich habe sie oft erlebt, wie sie zum Radio mitsang. Meine Mutter sorgte auch dafür, dass ich Klavierstunden bekam als ich 6 Jahre alt war. Ich hatte jede Menge Energie und war von Natur aus neugierig auf alles. Meine Eltern versuchten diese Eigenschaften zu kanalisieren und Musik nahm mich von Anfang an gefangen.
 
MT: Wie kam es dann zu einer Karriere als Sängerin und Musikerin?
KT: Ich spielte ein paar Jahre lang Klavier und dann ging es im Sommer in ein Ferienlager. Dort waren einige Leute, die Gitarre spielten, und die brachten uns alle dazu, mit ihnen zu singen. Ich realisierte, dass man mit einer Gitarre genau diese Verbindung zwischen Menschen herstellen kann und sie alle liebten es, mitzusingen. Ich war wie besessen und musste ebenfalls Gitarre lernen. Damals war ich 10 Jahre alt. Zu meinem nächsten Geburtstag einige Monate später schenkten mir meine Eltern eine Gitarre. Das war wie der Anfang eines ganz neuen Kapitels für mich. Als ich später auf dem College vor der Entscheidung stand, ob ich die Schule verlassen sollte, um eine Leben als Musikerin in Nashville anzustreben, realisierte ich, dass für mich ein Leben mit und für die Musik das beste wäre und ich versuchte mit allen Mitteln, damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
 
MT: Du hast in Deiner Anfangszeit in Nashville u. a. in der Country Music Hall of Fame gearbeitet. Erzähl uns doch bitte von Deinen schönsten Erlebnissen aus dieser Zeit.
KM: Da gab es immer diese alten Filme, die alle 30 Minuten liefen in einem kleinen Kino im hinteren Bereich des Museums. Das waren Filme von alten Auftritten, die früher vor dem jeweiligen Hauptfilm in den Kinos liefen. Da gab es Filme von Gene Autry, Merle Travis und Bob Wills und den Texas Playboys. Als ich Bob Wills entdeckte war ich wie gefesselt. Diese einzigartige Kombination von Jazz und Country war total frisch und neu für mich, auch wenn diese Filme aus den 50er Jahren stammten. Ich brachte mir mein Mittag mit zur Arbeit und setzte mich in das Kino des Museums und schaute diese Features immer und immer wieder. Merle Travis war da und sang „Dark As A Dungeon“. Den Song habe ich ja auch für mein letztes Album „Coal“ aufgenommen. Mein Gitarrenlehrer brachte mir einst das „Travis Pickin`“ bei, aber er sagte mir niemals, woher dieser Stil ursprünglich stammte oder wer Merle Travis war. Ich machte diese Entdeckung erst, als ich in dem kleinen Museumskino saß und Merle auf der Leinwand spielen sah. Es war überwältigend.
Dann erinnere ich mich daran, dass ich einst dem berühmten Moderator und Radio DJ Ralph Emery eine Führung gab und vor allem an die Zeit, als der Film „Coal Miner`s Daughter“ gedreht wurde und die Schauspielerin Beverly D`Angelo ins Museum kam, um für ihre Rolle als Patsy Cline zu recherchieren.
 
MT:  Dein letztes Album „Coal“ wurde durch Deine Kindheit und Jugend inspiriert. Kannst Du uns ein wenig darüber erzählen?
KM: Nun, ich wuchs in West Virginia auf, wo es sehr ländlich und spärlich bevölkert ist. Der Staat hat durch die vielen kleinen Hügel und Berge ein sehr welliges Terrain. Meine beiden Großväter waren beide Bergleute und meine Eltern wuchsen beide in kleinsten Dörfern auf, in denen alle Einwohner irgendwie mit der Kohle ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Meine Mutter hatte noch 5 Schwestern und auch mein Vater hatte 5 Schwestern. Mein Vater war der einzige Mann in der Generation, die mich aufzog. Er bekam damals eine einzigartige Chance auf das College zu gehen, weil einer seiner Onkel ihm das Geld dafür gab. Das brachte ihn aus dem Kohle-Kreislauf und veränderte sein Leben... und meines auch.
Ich dachte niemals beim Kohlebau an meine Geschichte, ich dachte, es wäre die Geschichte meiner Eltern. Im Jahr 2006 gab es ein Minenunglück in West Virginia, das weltweit für Aufsehen sorgte. 13 Bergleute waren für über 4 Tage im Berg eingeschlossen. Der Kummer, den ich damals spürte, kam überraschend für mich und aufgrund dieser Erfahrung beschloss ich, mit der Hilfe eines weisen Musikerfreundes diesen Schmerz in ein neues Album zu kanalisieren und eine Art Katalysator für etwas werden zu lassen. So wurde das Album „Coal“ geboren. Die Erfahrungen, die ich machte, als wir das Album machten, mit diesen Songs zu leben, die Recherchen zu betreiben etc., haben meine Perspektive radikal verändert. Ich entdeckte, dass, obwohl mein Vater kein Bergarbeiter mehr war, die Kohle in meinem ganzen Leben immer präsent war. Ich konnte es nur nicht sehen. Es war wie ein Stück der eigenen Geschichte aufzugreifen, von dem man bislang nicht einmal wusste, dass es fehlte. Ein Stück vom Anfang, der Quelle... eine ganz neue Sichtweise.
 
MT: Deine neue CD „Calling Me Home“ ist thematisch erneut in die Richtung von „Coal“ angelegt. Hast Du jemals damit gerechnet, für diese beiden Alben solche Lobeshymnen und beste Kritiken zu bekommen?
Ich habe auch gelesen, dass Alice Gerard (früher Hazel & Alice) Dir geholfen hat, einige Songs für die CD zu suchen?
KM: Als ich das Album „Coal“ fertig hatte, ging ich auf Promotiontour und eines Abends, als ich auf einem Kongress spielte, war auch Hazel Dickens dort. Ich hörte sie singen. Ich habe sie bei einer Podiumsdiskussion interviewt und dann kam sie zu meiner Show. Nach der Show trafen wir uns und Hazel stellte mir Alice Gerrard vor. Da stand ich – mit Hazel & Alice (und natürlich keine Kamera dabei... shoot). Alice gab mir bei dem Treffen eine CD mit 3 Songs, die sie geschrieben hatte. Ich kannte Songs von Hazel, hatte ja auch welche auf „Coal“ aufgenommen, aber von Alice hatte ich noch keinen Song gehört. Diese CD hatte ich bis zu den ersten Arbeiten am neuen Album an einem sicheren Ort verwahrt und als ich sie nun hervorholte, war ich überwältigt von der Qualität der Songs. Sie sind einfach wundervoll. Zwei der Songs sind auf dem neuen Album, einer ist der Titelsong „Calling Me Home“.
Und zu den Kritiken... Das ist für Künstler immer wieder ein sehr interessanter Aspekt. Man macht seine Alben so gut und konzentriert wie möglich und dann hat man keinen Einfluss mehr. Ich hatte keine Ahnung vor „Coal“, ob sich irgendwer für ein Konzeptalbum über Kohlebau interessieren würde. Aber zu meiner Überraschung kamen die menschlichen Geschichten, die Mystik des Bergbaus und meine Art, diese zu interpretieren, bei den Leuten an. Es ist immer ein Geschenk, wenn die Leute wirklich mitkriegen, was ein Künstler mit einem Album bezweckt.
 
MT: Würdest Du die beiden Alben, über die wir sprechen, als Deine bislang besten bezeichnen?
KM: Nun, ich weiß nicht. Ich bin nicht gerade die objektivste Person, wenn es um meine eigene Musik geht. Aber ich denke schon, dass ich mit den beiden CDs eine neue Tiefe in meiner Musik erreiche, die ich bislang nicht kannte. Und es gibt einfach auch tolle Synergieeffekte, denn ich glaube kaum, dass ich diese besonderen Songs als 20-jährige Künstlerin auch nur annähernd intensiv hätte singen können.
 
MT: War es etwas befremdlich einen a-capella Song wie „Cool Of The Day“ aufzunehmen?
KM: Nicht wirklich. Es war schlimmer bei „Black Lung“ vom „Coal“ Album. Dieser Titel ist so intensiv und einer von Hazel Dickens Erkennungssongs. Eine Songikone. Es war befremdlich, sich an den Song anzunähern und ich brauchte mehrere Monate, um meine eigene Version dieses Songs zu finden. Aber das war eine lehrreiche Erfahrung für mich als Künstlerin. Interessanterweise singe ich „Cool Of The Day“ sehr oft live seit der Veröffentlichung von „Coal“. Ich habe den Song zufällig entdeckt und sang ihn von da an zu jeder sich bietenden Gelegenheit live. Als ich dann ins Studio ging, um ihn aufzunehmen, war er mir so vertraut und es fühlte sich an, wie ein bequemes Paar Jeans anzuziehen.
 
MT: Worauf in Deiner Karriere bist Du besonders stolz?
KM: Wow. Das ist eine schwierige Frage. Was mir dabei als erstes in den Sinn kommt ist, wie lange es meine Songs schon schaffen „am Leben zu bleiben“ und über die Jahre so viele Menschen berührt haben und teilweise ihr Leben verändert haben. Und wie das wiederum damit zusammenpasst, was ich als Sängerin bei den Songs fühle und wie ich sie dem Publikum nahe zu bringen versuche. Ich denke, dass ich meine Musik so authentisch wie möglich zu machen versuche und somit auch immer noch eine enge Verbundenheit auch zu älteren Songs habe.
 
MT: Danke für das Interview, Kathy
KM: Ich habe zu danken.
 
Interview: Marcus Thell, dt. Bearbeitung: Kai Ulatowski, Fotos: David McClister