Erinnerungen an Johnny Horton

Viele Country Stars der 50er und 60er Jahre sind heute in Vergessenheit geraten.  Johnny Horton gehört zum Glück nicht dazu. Seine Lieder wurden auch nach seinem viel zu frühen Tode weiterhin immer wieder veröffentlicht. Besonders hervorgetan hat sich  Bear Family Records aus Deutschland. Mit einer LP-Box, die seine frühen Aufnahmen enthält und zwei CD Boxen, die sämtliche verfügbaren Studioaufnahmen vereinen, ist das gesamte Material von Johnny Horton vor dem Vergessenwerden bewahrt worden. Unlängst ist auf Bear Family Records eine DVD mit den Fernsehauftritten von Johnny Horton erschienen. Davon an anderer Stelle mehr.

Angefangen hat alles am 30. April 1925 in Los Angeles. John Horton sr.  und seine Frau Claudia wurden Eltern des kleinen John Gale Horton. Er war der Jüngste von fünf Geschwistern. Die Familie war ständig auf der Suche nach Arbeit. Sie pendelten zwischen Rusk in Texas und Kalifornien hin und her. Der Vater verdiente das Geld für den Unterhalt seiner Familie durch Arbeit auf  Baumwollfeldern und den Fruchtplantagen in Kalifornien. Johnny  besuchte mehrere Schulen in Texas. Auf dem Lon Morris Junior College in Jacksonville, Texas, bekam er ein Sportstipendium als Basketballspieler. Alle Schulen verließ er, ohne einen Abschluss zu bekommen.

Bald zog es ihn nach Hollywood in Kalifornien, wo er Arbeit  fand in dem Filmstudio von David O. Selznick. Dort lernte er auch seine erste Frau, die Sekretärin Donna Cook, kennen.  1948 beschloss Johnny, mit seinem älteren Bruder Frank nach Seattle zu gehen, um  Geologie zu studieren.  Dieses Vorhaben wurde nach wenigen Wochen aufgegeben. Johnny zog es über den Umweg Florida und Kalifornien nach Alaska, um sein Glück als Goldsucher zu finden. Dort fing er an, erste eigene Songs zu verfassen.  Bald ging er zurück nach Texas. Auf Drängen seiner Schwester Marie besuchte er einen Gesangswettbewerb im Reo Palm Isle Club in Longview, Texas. Moderiert wurde der Wettbewerb von dem damals noch unbekannten Jim Reeves. Johnny Horton gewann den ersten Preis, der aus einem Aschenbecher bestand.  Ermutigt durch diesen ersten Erfolg  im Musikgeschäft ging Johnny nach Kalifornien, um sich mit Bühnenkleidung im Westernstil einzudecken. 

Fabor Robison wurde auf ihn aufmerksam und wurde sein erster Manager. Fabor verschaffte ihm einen Job bei Cliffie Stones  Fernsehshow Hometown  Jamboree  von KXLA-TV in Pasadena. Dort arbeitete er mit berühmten Kollegen zusammen wie Merle Travis und Tennessee Ernie Ford.  Die Verantwortlichen bei  KXLA-TV erkannten Johnnys Talent und boten ihm eine eigene halbstündige Samstagabend-Show an. Natürlich griff er sofort zu. Dort trat er als „The Singing Fisherman“ auf. Während des Singens zeigte er dem Publikum den Umgang mit einer Angelrute.  Neben dem Singen war seine große Leidenschaft das Angeln. Diverse Fotos zeigen ihn mit seinem Freund Johnny Cash bei einem Angelausflug in Louisiana. Auch auf einigen Plattenhüllen ist er angelnd in einem Ruderboot zu sehen. Zu dieser Zeit moderierte er seine eigene Radio-Show mit dem Titel Hacienda Party Time bei KLAC-TV in Los Angeles.  Erste Schallplattenaufnahmen erschienen 1952 auf Cormac und Abott. „Plaid And Calico“ mit der B-Seite „Done Rovin“ und die zweite Single „Coal Smoke, Valve Oil And  Steam“  mit „Birds And Butterflies“ als zweite Seite blieben ohne Erfolg.

Nach dem er seine Freundin Donna geheiratet hatte, bekam er ein Angebot von der zweitwichtigsten Countryradioshow nach der Grand Ole Opry in Nashville, dem Louisiana Hayride. Dort sollte er als reguläres Mitglied auftreten. Sein Manager Fabor Robison machte den A & R Mann von Mercury Records, Walter Kilpatrick,  auf Johnny Horton aufmerksam. Ein Plattenvertrag wurde abgeschlossen und Johnny war endlich von einem großen Label unter Vertrag genommen.  Die erste Single auf Mercury „First Train Headin´ South“ und „(I Wished For An Angel) The Devil Send Me You“ wurde wohlwollend bei den Kritikern aufgenommen.  Aber nicht alles lief gut in Johnny Hortons Leben. Er ließ sich von Donna Cook scheiden und heiratete am 26. September 1953 die Witwe von Hank Williams, Billie Jean Jones. Mit ihr hatte er zwei Töchter: Yanina, Nina genannt, und Melody. Billy Jeanes mit in die Ehe gebrachte Tochter Jeri Lynn  wurde adoptiert. 

Auf dem nur in Großbritannien erschienenen Johnny-Cash-Album „More Of Old Golden Throat“ befindet sich der Instrumentaltitel  „Jeri And Nina‘s Melody“,  gewidmet den Töchtern von Johnny Horton.  Geschrieben wurde das Stück von Marshall Grant und Carl Perkins, dessen markantes Gitarrenspiel dort erklingt.

Im September 1952 stellte Johnny seine eigene Band zusammen, bestehend aus dem Rowly Trio, Jerry Rowly an der Fiddle, seine Frau Evelyn am Piano und ihrer Schwester Vera am Bass und an der Gitarre. Unter den Namen „The Singing Fisherman and the Rowly Trio“  gingen sie auf Tournee.  Bald nannten sie sich „Johnny Horton and the Roadrunners“. Zu dieser Zeit wurde Johnny unzufrieden mit seinem Manager Fabor Robison. Er kümmerte sich zu sehr um die Interessen des neuen, aufkommenden Stars Jim Reeves. Horton und Robison gingen getrennte Wege. Horton bekam schnell die Härte des Musikbusiness zu spüren. Das Geld reichte bald nicht mehr zum Leben. Zwischenzeitlich nahm er einen Job in einem Laden für Angelzubehör an. Der Verkauf seiner Singleveröffentlichungen auf Mercury hielt sich in Grenzen. Am besten lief noch die gefühlvolle Ballade „All For The Love Of A Girl“. Die Single ging  ca. 35000-45000 mal über die Ladentische. Außerdem mischte ein ehemaliger Lastwagenfahrer namens Elvis Presley den Musikmarkt gewaltig auf. Schwere Zeiten für Hillbillysänger. Das Geld, das Billie Jean von Hank Williams geerbt hatte, war aufgebraucht und irgendetwas musste geschehen. Johnny  wandte sich an den Bassspieler von Webb Pierce, Tillman Franks, der schon die Carlisles und Jimmy & Johnny gemanagt hatte. Auch als Booking Agent war er schon tätig. „Wenn ich Tillman Franks als Manager gewinnen kann, werde ich einen Nummer-1 Hit-haben“.  So die hoffnungsvolle Aussage von Johnny Horton.  Franks mochte die Art des Singens von Johnny nicht. Er meinte, er müsse seinen Gesangsstiel ändern. Horton stimmte zu. Mitte 1955 übernahm Franks das Management von Johnny Horton. Seine erste Aufgabe war die Suche nach einer neuen Plattenfirma, nachdem der Vertrag bei Mercury ausgelaufen war. Die neue Firma hieß Columbia Records.  Die erste  Aufnahmesession für die neue Plattenfirma sollte in Nashville stattfinden.  Am 11. Januar 1956 betrat Johnny das Bradley Barn Studio. Als Musiker waren dabei Bill Black am Bass, Grady Martin an der Gitarre und Harold  Bradley. Der erste Song, der aufgenommen wurde, war „I´m A One Woman Man“. Ein Rockabilly Titel, geschrieben von Horton und Franks.  Howard Crockett spielte ihnen Honky Tonk Man vor. Nach einigen Änderungen wurde es die zweite Aufnahme an diesem Tage. Um Mitternacht hatten Columbia-Produzent Don Law und Tillman Franks noch zwei weitere Songs mit Johnny auf Magnetband verewigt. „I'm Ready If You're Willing" und  „I Got A Hole In My Pirogue". „Honky Tonk Man“  und als B-Seite  „I'm Ready If You're Willing“ kamen als erste Columbia Single auf den Markt. Um die Platte bekannt zu machen, wurden Liveauftritte absolviert. Im Mai des Jahres erreichte „Honky Tonk Man“ Platz 9 der Disc Jockey Charts. Noch viele Aufnahmen für Columbia sollten folgen. Johnny Horton ging unermüdlich auf Tournee. Eine Tour führte ihn bis nach Ontario in Kanada. Mit dabei waren Johnny Cash, Faron Young und Roy Orbison.

Seine Karriere hatte an Fahrt aufgenommen. Dann schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Nach einem Auftritt im Skyline Club in Austin, dort hatte auch Hank Williams seinen letzten Auftritt, machte er sich auf den Weg ins 350 Km entfernte Shreveport. Auf einer Brücke in der Nähe von Milano, Texas, kam ihm ein Truck entgegen. Gefahren von einem betrunkenen 19-jährigen Mann namens James Davis. Es kam zu einem Frontalzusammenstoß. Johnny Horton starb auf dem Wege ins Krankenhaus mit nur 35 Jahren. Man schrieb den 5. November 1960. 

Seine Songs wie „North To Alaska“ , “Sink The Bismarck“ oder „The Battle Of New Orleans“ bleiben unvergessen.  Eine Einladung, Mitglied der Grand Ole Opry  zu werden, schlug er aus. Das hatte zur Folge, dass er bis heute nicht in die Ruhmeshalle der Country Music, der Country Music Hall Of  Fame,  aufgenommen wurde. Den Fans der traditionellen Country Music bleibt sein Vermächtnis, bestehend aus hunderten von Songs, vorgetragen von einem Sänger, der mit seiner Stimme Country Music Geschichte geschrieben hat.

Jürgen Jakszentis

Johnny Horton auf Bear Family Records: 

Rockin´ Rollin´ Johnny Horton BCD 15543 

Take Me Like I Am BCD 16354

The Ballads Of Johnny Horton BCD 16384

The Fantastic Johnny Horton BAF 18008  (180g Vinyl)

I´m A Fishin´ Man BVD 20120 (DVD)