Sweethearts of the Rodeo: Restless

"The Sweethearts of the Rodeo have returned"! Was für eine Überraschung! Welch ein famoses, wunderschönes Album! Die beiden Schwestern Kristine Arnold und Janis Oliver (ex-Gattin von Vince Gill), alias Sweethearts of the Rodeo, galten in der zweiten Hälfte der Achtziger als eines der erfolgreichsten Country-Duos in Nashville, das Kritiker und Fans gleichermaßen mit seinem herrlichen, von dem großartigen Harmonie-Gesang der beiden Damen bestimmten "twangy Mainstream Honky Tonk and New Country" verzückte. Hits wie "Midnight Girl/Sunset Town", "Satisfy You", "Blue To The Bone" und "One Time, One Night" sind unvergessen und gelten noch heute als Vorzeige-Songs der damals "jungen" Achtziger New Country-Bewegung. Nach 4 großartigen Alben verloren die übrigens von Emmylou Harris entdeckten "Sweethearts" 1992 ihren Plattevertrag, vor allem auch deshalb, weil die Schwestern nicht bereit waren, den allzu Pop-orientierten Vorgaben ihres damaligen Major-Labels zu folgen. Sie veröffentlichten anschließend auf dem kleineren "Sugar Hill"-Label noch 2 weitere, exzellente Alben, zogen sich dann aber bis auf weiteres aus dem Business zurück. Sage und schreibe16 Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung "Beautiful Lies" sind sie jetzt wieder da und präsentieren mit "Restless" ein brandneues Album, das die "Mädels" in einer geradezu bestechenden Verfassung zeigt. Eingespielt mit brillanten Musikern (u. a. der legendäre Al Perkins an der Pedal Steel, Marty Stuarts Lead Gitarrist Kenny Vaughan an den 6 Saiten, Richard Bennett an der zweiten E-Gitarre, Dave Pomeroy am Bass), hören wir eines der stärksten, wenn nicht sogar das stärkste "Sweethearts"-Werk aller Zeiten. Ohne jeden Label-Zwang (sie vertreiben dieses Album ausschließlich selbst) spielen sie frei und ungebunden genau die Musik, die sie spielen wollen: Lupenreine, traditionell fundamentierte Country Music mit einem feinen New Country-Flavour und einem Hauch von Americana - 12 wundervolle, ambitionierte, von herrlichen Melodien bestimmte Songperlen von zeitloser Qualität und Schönheit. Teilweise fühlt es sich an, als sei die Zeit stehen geblieben, doch gleichzeitig verspürt man eine geradezu faszinierende, natürliche Frische. Die "Sweethearts" sind auf bewundernswerte Art und Weise in der heutigen Zeit angekommen. Der Gesang von Kristine und Janis ist hinreißend, der Sound glasklar. Gleich zum Auftakt hören wir eine fantastische Nummer ("You can't hold me back" heißt das Stück), die unmittelbar offenbart, mit welch außergewöhnlicher Qualität die Protagonistinnen und die gesamte Mannschaft der Musiker ihre Performances in Szene setzen. Herrliche, markante Baritone E-Gitarren-Klänge von Richard Bennett und klasse Steel-Fills von Al Perkins ziehen sich durch diese überaus frisch klingende, dabei ein schönes Western-/Ghost Town-Feeling versprühende Countrynummer - geprägt von einer Melodie, die unsere Ohren regelrecht verzaubert. Kristine und Janis singen exzellent. Fantastische Country Music, die pure Gänsehaut erzeugt. Grandios! Es folgt mit dem Titelstück "Restless" ein starker, von einem dezenten Rockabilly-Flair unterlaufener Dancehall-/Roadhouse-Countryheuler, dessen Instrumentierung von furiosem E-Gitarren-Picking und großartiger Steelguitar bestimmt wird, inklusive eines begnadeten, kleinen Duells zwischen Kenny Vaughan und Al Perkins. Leicht soulig  kommt das wundervoll groovende "What does love mean to you" daher, ehe eine lockere, ganz edle, exzellente Ballade auf dem Programm steht. "Maybe tonight", im übrigen komponiert von Janis Oliver und ihrem ehemaligen Gatten Vince Gill, besticht mit einem feinen Americana-Ambiente und einer hinreißend schönen Melodie. Bestimmende Instrumente sind ein großartig auf die Gitarren abgestimmter Orgel-Background, sowie die transparenten, vielschichtigen Gitarren mit ihren herausragenden Slide-/Lap Steel-Momenten. Puren "driving and swinging Honky Tonk" im besten Stil der früheren "Sweethearts" oder eines Rodney Crowell zu Zeiten seiner Nashville-Erfolge hören wir mit dem von furiosen Gitarren- und Steel-Einlagen bestimmten "Too little too late", und auch das knackige, prächtig abgehende "Gone to Kentucky" (klasse Dobro-Einlagen) geht prima in die Beine. "Running out of road" kommt mit einem klasse Cajun-Flair (klimperndes Piano, Akkordeon, rootsige Slide), während das traumhaft melodische "Hopeless rose" locker, flockig, mit seiner zurückhaltenden Banjo-Untermalung und seinem erfrischenden, transparenten Gitarren-Arrangement gar an die Musik der guten, alten Nitty Gritty Dirt Band zu erinnern scheint. So geht das mit einem Highlight nach dem anderen weiter, bis das Album schließlich mit einer wunderbaren Coverversion der berühmten, von Chester William "Chet" Powers (aka Dino Valenti von der San Francisco Psychedelic Rockband Quicksilver Messenger Service) geschriebenen Sechziger-"Love & Peace"-Hymne "Get together" (u. a. auch gespielt von der Dave Clark Five, dem Kingston Trio und den Youngbloods) endet. Es ist einfach unfassbar, dass dieses grandiose Werk allein von den Schwestern vertrieben und damit mangels Major-Deals dem Nashville-Radio verborgen bleiben wird. Unverständlich, was in den Köpfen der verantwortlichen "Plattenbosse" vorgeht. Das ist allerhöchstes Country Music-Niveau voller Hit-Potential - Musik, die Nashville dringend nötig hätte um wieder in die richtige Spur zu gelangen. Schade! Doch wie dem auch sei, seien wir froh, dass Kristine Arnold und Janis Oliver dieses Werk überhaupt eingespielt und veröffentlicht haben und die Countrywelt zum Ausklang des Jahres 2012 noch einmal mit einem absoluten Highlight beglücken. Sie waren nie besser! "Long live the Sweethearts of the Rodeo"!
Jürgen Thomae